Der Ruf des Einhorn - Textauszug


Dunkle Nebel, die schwer über dem Wasser hingen, zitterten in gespannter Erwartung, als habe etwas Furchterregendes seine kalte Hand nach ihnen ausgestreckt.
Ein silberner, metallisch schimmernder Strahl durchbohrte zischend die Nacht, die jetzt, kurz vor dem Morgengrauen, am dunkelsten war. Wie eine drohende Ahnung schoß er durch das ruhige Schild des Wassers und glitt lautlos in die Tiefe, zerteilte die Flüssigkeit mit unwiderstehlicher Kraft und gelangte an die für jedes lebende Wesen unsichtbare Pforte der Welten. Der Strom der Zeit öffnete sich. Der Große Weber des Schicksals erbebte und begann in freudiger Erregung einen neuen Faden auf den kosmischen Webstuhl zu ziehen.
Ein bernsteinfarbener Wirbel war unter der düsteren Oberfläche des Llyn de Lac, des Andersees, zu erkennen. Das Land ringsum erwachte aus der Starre seines traumlosen Schlafs und lauschte gebannt den Worten aus der Tiefe, die nur für seine Ohren bestimmt waren. Worte eines mahnenden dunklen Gesangs, der eine neue Zeit ankündigte:
„Nichts wird bleiben, wie es war“, sagte er. „Jemand wird kommen, der die alte Ordnung ins Wanken bringt. Wird er auch den Sieg davontragen? So weit kann niemandes Auge in die Zukunft sehen. Doch so sicher wie ein Tag auf den nächsten folgt, so wird sein starker Arm das Gewebe der Macht erzittern lassen.“
Ein Windstoß kräuselte die düstere Fläche des Sees. Das hohe Schilf an seinem Ufer raschelte. Es klang wie das heimliche Wispern von Geistern. Der krächzende Schrei einer Eule hallte durch die Nacht.
Und dann schien der Untergang der Welt heraufzuziehen. Die Wolken ballten sich zusammen, bildeten ein spiralförmiges, sich nach Innen drehendes Rad, beängstigend in seiner Lebendigkeit. Der Wind nahm zu und schwoll auf Orkanstärke an. Selbst die mächtigsten Bäume ächzten und stöhnten unter seiner unbarmherzigen Wucht. Armdicke Äste zersplitterten mit lautem Krachen, und die Luft war erfüllt von wirbelnden Blättern und Zweigen.
Doch seltsam war, daß die grauen Nebelschwaden davon unberührt blieben. So, als befänden sie sich an einem Ort absoluter Ruhe, lagen sie bewegungslos über dem See, während um sie herum die Welt im Chaos versank. Blitze zerteilten den Nachthimmel mit ihrem gleissenden Licht, dem kurz darauf ein ohrenbetäubendes Donnern folgte, das nur langsam verebbte.
Unterhalb des Nebels entstand ein zweiter Wirbel, und dieser war aus den Wassern des Llyn de Lac geformt. Sich um ihre eigene Mitte drehend, standen die beiden gewaltigen Wirbel sich wie Zwillingskreisel gegenüber.
Plötzlich ließ das Unwetter nach. Nichts blieb als vollkommene Stille. Ein Mythos, entstanden aus dem Geist des Lebens, würde neu geboren werden, um den geheimsten Wünschen der Menschen Gestalt zu geben. Die gigantischen Wirbel dehnten sich immer weiter aus, wanden sich mit zunehmender Geschwindigkeit um ihre eigene Achse. Schneller und immer schneller. Und dann, wie von der Sehne eines gewaltigen Bogens entlassen, schoß ein blauleuchtender Strahl aus der Mitte des Himmelswirbels in den Kern des Seewirbels und verband sie auf diese Weise, drang weiter vor durch Wasser und Stein bis in das flüssige Zentrum der Erde. Dort verharrte er, bis die Dunkelheit ihn umhüllte und ihn in ihrem Reich willkommen hieß.
Und der feurige Atem der Erde nahm sich des blauen Lichtes an, formte es und gab ihm die Gestalt, die in längst vergangenen Tagen in den Legenden der Menschen besungen worden war.
Schließlich trat Sie hervor, deren Name die Große Mutter ist, und hauchte dem Wesen mit ihren Lippen den Sinn seines Daseins ein. Sie verabschiedete es mit den Worten: „Du sollst mein Bote der Wahrheit sein, auf daß alle Verblendeten zu ihr zurückfinden können. Denn nur die Wahrheit befreit das Herz, welches sich schon verloren glaubte. Doch nur wer dem Blick deiner klaren Augen standhält, wird sie auch ertragen können
Das Wesen, gewoben aus den Mächten der Erde, des Feuers, des Wassers, der Luft und der immerwährenden Nacht, neigte sein edles Haupt, und die Flammen der Erdmutter umzüngelten es, liebkosten es zärtlich. Dann verwandelte sich alles in reines weißes Licht, welches die düsteren Schatten verschlang, so als stünde das Wesen inmitten der Sonne. Für einen Moment hielt die Welt den Atem an. Dann war alles vorbei.
Die Wirbel lösten sich auf, schienen sich in ihren eigenen Ursprung zu verschlingen, und nichts erinnerte mehr an das wilde Toben der Natur. Die Welt war so friedlich, als sei nichts geschehen.
Nur am östlichen Ufer des Sees, dort, wo sich eine kleine Bucht unter die Kronen ausladender Buchen schmiegte, bewegte sich etwas. Mit den Hufen im sandigen Ufer scharrend, warf das Geschöpf den wunderschönen Kopf auf und nieder. Das Spiel der Muskeln am schlanken Hals und an den kraftvollen geschmeidigen Flanken war gleich den Wellen des Meeres, die im Mondlicht an das Ufergestade rollen, und das lange, spiralförmige Horn auf seiner Stirn schimmerte wie polierter Obsidian.
Weit hinaus in die Welt hallte sein stolzes lautes Wiehern, als es in die Höhe stieg, mit den Hufen die Luft zerteilte, um dann geschmeidig in der Finsternis des Waldes unterzutauchen. Und es klang, als wolle es der Welt zurufen: Ich bin es, das schwarze Einhorn. Euer Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Nichts wird so bleiben, wie es war. Ich bin der Bote der Wahrheit und werde nicht eher ruhen, bis meine Bestimmung erfüllt ist.

Genau in dem Augenblick, als das Einhorn unter den dichten Baumkronen verschwand und die Pforte der Welten sich zu schließen begann, um den Eingang zu versiegeln, schoß etwas durch den Spalt.
Ein Wesen der Schattenwelt.
Giftgrüne Augen funkelten aus tiefliegenden Höhlen. Unter hochgezogenen Lefzen zeigte sich ein fürchterliches Gebiß, Geifer rann an den dolchartigen Zähnen herab, und sein Atmen ähnelte dem Zischen einer Schlange, die zum Angriff übergeht. Geschmeidig wie eine riesenhafte Katze aus der Urzeit machte es sich an die Verfolgung.
Ein gewaltiger Donnerschlag krachte und ließ die Erde erzittern, als die Bestie unter dem grünen Dach des Waldes mit der Dunkelheit verschmolz.
Ein Schatten unter Schatten.
Unsichtbar.
Selbst für das geübte Auge des Jägers.