Textauszug Vision des Herzens

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bläulich schimmernd, wunderbar anzusehen, wie ein kostbares Juwel zieht die Erde seit Jahrmillionen ihre Bahn durch einen Raum von unvorstellbarer Weite. Jeden Abend wölbt sich über dem Betrachter der sternenübersäte Kosmos; und wenn die Göttin der Nacht ihren leuchtenden Mantel ausbreitet, schweigt der Verstand, und das Staunen der Kindheit malt sich in das Gesicht des Menschen, denn angesichts des Unfaß·baren erkennt er seine eigene Bedeutungslosigkeit.
Doch begeben wir uns jetzt zu einer galaktischen Nachbarin unserer Milchstraße·e. Sie zeigt sich als verschwommener Nebel am Nordhimmel, die Andromeda-Galaxie. In menschlichen Dimensionen gemessen, braucht das Licht mehr als zwei Millionen Jahre, bis es von dort zur Erde gelangt, und in ihrem Durchmesser von über einhundert Millionen Lichtjahren tummeln sich Milliarden und Abermilliarden von Sonnen und Sternen.
Weiter und weiter dringen wir vor zu ihrem Kern, auf der Suche nach einem ganz bestimmten Planeten, einer Besonderheit innerhalb der Andromeda-Galaxie, denn dieser Planet birgt Leben. Leben, das auf eine gewisse Art dem unsrigen gleicht oder vielleicht gleichen würde, wäre da nicht eine Katastrophe schrecklichen Ausmaßes gewesen.
Tauchen wir ein in die Atmosphäre dieses Planeten, betreten wir das verwüstete, tote Land und spüren den bitteren Hauch endgültiger Zerstörung. Karge, baum- und strauchlose Steppenlandschaften ziehen unter unseren Augen dahin, und wir spüren, daß dieses Land nicht auf natürliche Weise entstanden ist. Hier war eine Macht am Werk, die rücksichtslosen Raubbau an ihrer eigenen Lebensgrundlage betrieben hat und entweder selbst daran zugrunde gegangen ist oder diesen Planeten verlassen hat. Felsen tauchen am Horizont auf, blitzen fahl im Licht einer glühenden Sonne, die den Boden ausgedörrt hat. Mit ununterbrochener Wucht fegen heiße trockene Winde über Erde und Fels, wirbeln mikroskopisch kleine Sandkristalle durch die Luft, die das Gestein glattschleifen wie Schmirgelpapier. Und doch - unter diesen schroffen, lebensfeindlichen Gebirgsmassen liegt ein Wunder eingebettet, ein Wunder des Geistes.
Vor einigen tausend Jahren hat sich hier ein Volk zusammengetan und unter dem Fels eingeschlossen. Technisch hatte es einen noch höheren Standard als die Menschen entwickelt, doch der dazu nötige bewußtseinsmäßige Sprung, um wirklich verantwortungsbewußt damit umgehen zu können, kam zu spät. Es war ihnen nicht gelungen, die Zerstörung ihrer Welt aufzuhalten. Durch Dummheit und Ignoranz hatten sie ein wunderschönes Paradies auf immer vernichtet. Alles, was ihnen blieb, war, ihr gesammeltes Wissen, ihre Erfahrungen und schmerzlichen Erkenntnisse in einem gemeinschaftlichen Geist, einem Überbewußtsein, zu bündeln, zu verdichten und einem jahrhunderte- oder jahrtausendelangen Dämmerschlaf zu halten, bis irgend etwas, das niemand voraussehen konnte, geschehen mochte, um ihn zum Wohl anderer wiederzuerwecken. Die einzelnen Körper dieser Rasse waren längst vergangen, zu Staub zerfallen, doch ihr Geist lebte und entwickelte sich weiter fort, denn das Leben, in welcher Form auch immer, kennt keinen Stillstand. Dieses Volk hatte sich im Angesicht des Todes eine Vision geschaffen; es hatte davon geträumt, daß sein Untergang nicht umsonst gewesen sein möge. Tausende von schlagenden, pulsierenden Herzen hatten sich vereint und mit aller Kraft diesen Wunsch ins Universum hinausgesandt. Und wie es mit jedem Wunsch, mit jedem Gedanken ist, der von wahrer Hingabe der Seele geprägt ist, formt und gestaltet ihn die Kraft, die wir Leben nennen, und macht ihn sichtbar für das Auge, hörbar für das Ohr und fühlbar für den Körper.









Erschütterung








Die notwendige Änderung der Welt und der Menschheit wird keinesfalls durch Weltverbesserungsversuche erreicht; die Weltverbesserer drücken sich in ihrem Kampfe für eine, wie sie meinen, bessere Welt vor der Aufgabe, sich selbst zu bessern; sie betreiben das übliche, zwar menschliche, aber doch betrübliche Spiel, von den anderen zu fordern, was zu leisten sie selber zu bequem sind; aber die Scheinerfolge, die sie erzielen, entlasten sie nicht davon, Verrat nicht nur an der Welt, sondern auch an sich selbst begangen zu haben.

Jean Gebser





Zum wiederholten Male stand er auf, ging nervös im Zimmer auf und ab, rauchte mit fahrigen, zittrigen Fingern eine Zigarette nach der anderen, legte sich anschließend wieder auf das Bett, nahm mehrere tiefe entspannende Atemzüge und lauschte konzentriert in seine innere Welt hinein.
Ein langgezogener Ton erklang dort wie aus den Tiefen der Ewigkeit, hüllte ihn ein und verwirrte ihn auf seltsame Art und Weise. Es war, als würde dieser Ton sein gesamtes Wesen einfangen und forttragen, hinaus in die rätselhafte Weite des Universums, hinaus in eine Welt, die ihn gleichzeitig faszinierte und verängstigt zurückschrecken ließ. Die Verlorenheit, die der Gesang, ja, man konnte wahrhaftig von einem Gesang, einem Lied sprechen, in ihm weckte, erschütterte sein Bewußtsein, traf direkt seine empfindlichste Stelle, sein Herz. Er konnte nicht verstehen, was mit ihm geschah, und fühlte sich sehr unbehaglich. Sein Herz begann heftiger zu schlagen. Er war zugleich durcheinander und ergriffen, nicht fähig, sich von dieser überirdischen Musik loszureißen, und mit jeder Wiederholung der geheimnisvollen Klänge war er weniger in der Lage, klar und folgerichtig zu denken. Furchterregende, ihn lähmende Bilder wirbelten durch seine Phantasiewelt. Er stand auf, wollte sich auseinandersetzen mit dem, was er beobachtete. Mit enormer Willensanstrengung richtete er seine Aufmerksamkeit auf einen einzelnen Gedanken, den er ständig neu hervorrief, seinen Namen: Christian ... Christian ... Christian ... Er saß einfach nur da, dachte an seinen Namen und hatte für eine Weile keinerlei körperliche Empfindungen, spürte nichts, auch nicht, ob es kalt oder warm war. Er nahm sich selbst als eine Masse wahr, so, als wäre er hypnotisiert worden. Obwohl er sich bewegen wollte, konnte er es nicht.
Erneut schwang der Ton in ihm wie ein unheimliches Klagen und Wispern, zerrte an den Fasern seines Herzens, die sich anfühlten wie straffgespannte Seile, die von einer von außen auf ihn einwirkenden Kraft in Bewegung gesetzt wurden. Seine Angst wurde für den Zeitraum von vielleicht einer Minute, ihm jedoch schien es eine Ewigkeit zu sein, so übermächtig, daß seine Persönlichkeit erlosch. Christian hörte auf zu existieren. übrig blieb ein Körper im Zustand äußerster Not, eingesponnen in eine unwirkliche Todesstarre. Er schien zu sterben.
Und dann, von einem Moment zum anderen, fiel die Starre von ihm ab. Etwas wollte hinaus, weiter und immer weiter hinaus, wie ein Pfeil, der von einer Sehne schnellte auf der Suche nach einem Ziel und keines fand. Er erschauerte. Seine Brust hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen; nervös und zittrig fuhr er sich mit den Händen durch das Haar. Mit einem Satz sprang er aus dem Bett. Die Handflächen gegen die Schläfen gedrückt, schrie er, so laut er sich traute; ein erleichterndes, befreiendes Stöhnen entrang seiner Kehle. „Mein Gott“, murmelte er leise vor sich hin, „was ist hier los?“
Entsetzlich müde schlurfte er zum Fenster seiner hoch über der Stadt liegenden Wohnung, schob die Vorhänge beiseite und blickte starr auf die Häuser und Straßenschluchten hinab. Eine unerklärliche tiefe Traurigkeit überkam ihn, der er keine Beachtung schenkte.
Autoschlangen wälzten sich durch das quadratisch angeordnete Labyrinth der Stadt, Menschen eilten hierhin und dorthin, auf der Suche ... ja ... wonach? Vielleicht Geborgenheit oder Liebe? Vielleicht zu einem Geschäftstermin, ins Bordell, waren vielleicht auf dem Weg, jemanden zu bestehlen oder gar zu morden? Mit ungewöhnlicher Eindringlichkeit offenbarte sich ihm in diesem Augenblick die Absurdität des menschlichen Daseins. Noch nie hatte er sich so gefühlt wie jetzt, in diesem Moment. Mehr und mehr wurde er von rätselhaften Abgründen seines Lebens gefangengenommen, eines Lebens, das ihm bisher so klar und verständlich erschienen war. Immer häufiger wirbelten seine Gedanken wie aufgeschreckte Vögel durcheinander und hinterließen ein Gefühl tiefster Beunruhigung. Er wußte einfach nicht, ob er in einen ihm völlig unbekannten Teil seines Innenlebens hineingezogen oder ob sein Bewußtsein von außen gesteuert und manipuliert wurde. Unwillkürlich stieg ein verkrampftes Lachen in ihm auf, denn die Möglichkeit, von einer Macht, sei sie nun irdischen oder außerirdischen Ursprungs, beeinflußt und gelenkt zu werden, schien ihm zu absurd, um ernstlich in Erwägung gezogen zu werden. Eine seltene Form von Geisteskrankheit könnte eine weitere Alternative sein, dachte er, obwohl ihm noch niemals zu Ohren gekommen war, daß es Geisteskranke gab, die ihre eigene Krankheit bewußt hinterfragen konnten. Aber was hatte das schon für eine Bedeutung?
Welche Möglichkeiten sich ihm auch darboten, keine war für ihn akzeptabel - und doch mußte eine davon zutreffen. Aber sobald er den Versuch unternahm, bewußt in seinem Gedächtnis nach dem Urheber des Gesangs zu forschen, blieben nichts als Leere und Schwärze vor seinem geistigen Auge. Mit verzweifelter Anstrengung hatte er sich immer wieder bemüht, diese schier undurchdringliche innere Mauer umzuwerfen, sie einfach beiseite zu schleudern, um zu sehen, was sich dahinter verbarg; doch seine Energie verpuffte jedesmal sinnlos.
Schließlich bekam er Schüttelfrost und ging zu Bett. Zwischen Laken und Decken eingemummt, lag er da, während der Abend sich herabsenkte, und fühlte sich schrecklich. Er glaubte hohes Fieber zu haben, war aber außerstande, einen Arzt oder befreundeten Menschen anzurufen und um Hilfe zu bitten. Nicht daß er das nicht gewollt hätte; es ging nicht. Er war so todmüde, daß er den Eindruck hatte, gelähmt zu sein.
Die Nacht war für ihn wie das Tor zur Hölle. In seinen Träumen tauchte er ein in eine Welt aberwitziger Verfolgungen und wurde von bösartigen Kreaturen gejagt. Immer wieder schreckte er schweißnaß hoch und spürte zeit- und grenzenlose Augen auf sich gerichtet, die tief in ihn hineinsahen und wie glühende Kohlen brannten. Es war eine gewaltige Kraft, die sich in seinem Bewußtsein ausbreitete, und er, Christian, stand in Beziehung zu ihr, irgendwie. Wer oder was auch immer diese Kraft sein mochte, eines war gewiß: Sie forderte ihn bis an seine Grenzen und darüber hinaus. Die Angst vor dem Unausweichlichen rann wie Eiswasser durch seine Adern und löste gleichzeitig ein tiefes schmerzliches Verlangen nach Gewißheit aus. Und während er sich im Bett unruhig hin und her bewegte, nahm hinter seiner Stirn ein Bild Gestalt an:

... ein riesiger Vogel, leuchtend ... nein, nicht der Vogel selbst ... hinter ihm, eine Sonne ... so hell, so unglaublich hell ... gleißende, blendende Strahlen ... ein wundervolles Licht, das alle Unreinheiten auslöschte ... und der Vogel steigt in den Himmel, höher und höher ... sanft, auf mächtigen Schwingen ... und fliegt, stürzt sich mutig mitten hinein in das Licht der Sonne ... verbrennt, verglüht ... und ein wahnwitziger Schrei nach Freiheit ... Tod, Verwandlung, Auferstehung ...





Begegnung










über Raum und Zeit hinweg hatte das Überbewußtsein, dieser gesammelte Geist, Kontakt aufgenommen zu ihm, Christian Capra, von Beruf Nachrichtensprecher einer großen Fernsehanstalt und bis weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt.
Warum?
Vorerst blieb die Antwort für ihn noch hinter einem Nebelschleier verborgen, aber jede Nacht wurde mehr und mehr zu einem Alptraum.
Weil er seinen Zustand nicht mehr hatte ertragen können, war er zu einem anerkannten Neurologen und Psychiater gegangen und hatte ihn um Rat gebeten. Doch der stand dem Problem nur ratlos gegenüber und hatte ihm, nur um irgend etwas zu tun, ein starkes Nervenmedikament verordnet, das er zu Hause gleich in den Müllschlucker geworfen hatte.
So gut es ging, erledigte er seine tägliche Arbeit, zog sich danach sofort in seine Wohnung zurück und blieb allein. In dieser Zeit war er froh darüber, Junggeselle zu sein und keinen familiären Pflichten nachkommen zu müssen.
An diesem Abend legte er sich früh zu Bett, entspannte sich und schloß die Augen. Eine unerklärliche Ahnung schlich sich in sein Bewußtsein, das Gefühl, als breche er ein langgehegtes Tabu. Dieser Zustand erregte ihn tief in seinem Innern und gab der ganzen Situation einen zusätzlichen Reiz. Für einen kurzen Augenblick öffnete er noch einmal die Augen, schloß sie dann und begann zu seiner eigenen Verwunderung, schweigend zu beten. Er wollte meditieren und hoffte inständig, daß alles in Ordnung sei, die Sinne und der Verstand einwandfrei funktionierten. Behutsam strich er mit den Fingern der rechten Hand über seine Stirn, konzentrierte sich mal auf das Gefühl des Berührens im Finger, mal auf das Gefühl des Berührtwerdens auf der Stirn. Dann erinnerte er sich an den vergangenen Tag, an seine Arbeit, die er wie gewohnt mit lässiger Routine absolviert hatte. Niemand hatte irgendeine Veränderung bemerkt, niemand hatte irgend etwas an seinem Verhalten auszusetzen vermocht. Er war stolz darauf, wie sehr er sich in der Gewalt hatte und seine Gefühle, Phantasien und was immer da noch sein mochte beherrschte - und trotzdem, tief in ihm nagte eine Stimme, die steif und fest behauptete, daß er auf dem besten Weg war, seinen gesunden Menschenverstand zu verlieren.
Er legte die Hände auf den Bauch und lauschte. Es dauerte nicht lange, bis der langgezogene sehnsuchtsvolle Ton in seinem Kopf erklang, doch diesmal verlief alles ganz anders. Sein Wesen, sein gesamtes Sein wurde mit atemberaubender Geschwindigkeit durch eine Spirale gezogen, bis er es nicht mehr aushalten konnte und das Bewußtsein verlor. Das letzte, was er noch mitbekam, war ein Name: ANDROMEDA...



...Als er erwachte, hörte er immer noch das Wort, den Namen Andromeda, in seinem Kopf und klammerte sich daran. Instinktiv wußte er, daß dies ein bedeutungsvoller Name war, und während er ihn festhielt, wurde ihm klar, daß er noch lebte, aber wo?
ANDROMEDA ...
Er lag mit dem Gesicht nach unten auf einer Fläche, die sich rauh anfühlte. Etwas - ein Stein, dachte er - drückte schmerzhaft gegen seine rechte Wange, und wenn er einatmete, wurden Mund und Nasenflügel mit Staub verstopft. Er versuchte sich zu bewegen, und ein sengender Schmerz fuhr durch die rechte Schulter, so daß er fest die Zähne zusammenbeißen mußte, um nicht laut aufzuschreien. Langsam kehrte das Bewußtsein zurück und mit ihm so etwas wie die Erinnerung. Schwach entsann er sich des letzten Augenblicks, bevor er ohnmächtig geworden war, an das Wort, das sich in sein Gehirn gebrannt hatte: ANDROMEDA. Er versuchte herauszufinden, was geschehen war, doch sein Denken war wie ein zäher Brei, und er konnte die einzelnen Gedanken nicht ordnen. Davon abgesehen fühlte er sich lebendig, schmerzhaft lebendig.
Erneut versuchte er, sich zu bewegen, und diesmal gelang es ihm, den Schmerz so weit niederzukämpfen, daß er sich auf dem unversehrten Arm hochstemmte, obgleich das enorme Willenskraft erforderte. Etwas verklebte seine Augen, machte es unmöglich, sie zu öffnen, und erst nachdem er sie lange Zeit gerieben hatte, wollten seine Lider sich auftun.
Er war von tiefer Finsternis umgeben, die erdrückend wirkte. Und doch sagten ihm seine Sinne, daß er sich im Freien befand, denn er fühlte die Weite des Raumes, und es war kalt. Ein eisiger Wind zupfte an seinem Haar, strich es aus seinem Gesicht und die Feuchtigkeit auf seinen Wangen ließ ihn frösteln. Er blinzelte die Feuchtigkeit fort - es mochte Wasser, Schweiß oder auch Blut sein; er wußte es nicht, und es war ihm gleichgültig. Vorsichtig begann er, mit den Händen umherzutasten, um sich ein Bild davon zu machen, wo er sich befand. Seine Finger stießen auf Stein, eine mit Steinen und spitzen Schieferplatten übersäte Geröllhalde. Mit furchtsamer, angespannter Wachsamkeit blickte er sich um. Mit der Zeit gewöhnten sich seine Augen an das dämmrige Zwielicht dieses Ortes. Er wollte etwas sagen, doch seine Stimme brach trocken und krächzend aus seiner Kehle, und er war nicht in der Lage, Worte zu formen, doch es war wenigstens ein vernehmlicher, wirklicher Laut. Aber er war nicht auf die Vielzahl leiser Echos vorbereitet, die ihm zuraunten und aus dem Gestein zu erklingen schienen, das sich weithin in jede Richtung erstreckte. Massives Gestein ... mit einem Schock wurde ihm klar, daß er sich weit oben in einem Vorgebirge, wenn nicht gar im Hochgebirge befinden mußte. Doch es gab keine Berge in der Nähe seiner Stadt; die nächste Bergkette lag über hundert Meilen entfernt im Südosten. Er zitterte heftig. Wenn er noch auf der Erde war, und jeder andere Gedanke war unvorstellbar, dann handelte es sich um einen Teil der Welt, den er nicht kannte. Wenn nicht bald eine Klärung der Geschehnisse eintreten würde, das wußte er, würde er in einen Abgrund stürzen, in ein Labyrinth des Wahnsinns, von wo es keine Rückkehr gab.
Noch einmal nahm er all seinen Mut zusammen und rief in das Zwielicht hinaus, und wieder antworteten ihm die Berge wie zum Hohn. Unter den Echostimmen vernahm er eine, die nicht die seine war, und sie flüsterte den Namen, der durch sein Denken gehallt war, als er das Bewußtsein wiedererlangte ...
ANDROMEDA.
Plötzlich wurde er von Grauen und einem fast wahnsinnigen körperlichen Bedürfnis nach Geborgenheit überwältigt. Er wollte nach jemandem schreien, der ihm zu Hilfe kommen sollte. Krampfhaft bemühte er sich zu verstehen, was nicht zu verstehen war - noch nicht. Schlagartig wurde ihm klar, daß niemand ihm helfen würde, niemand ihm helfen konnte. Unwillkürlich begann er, heftig zu würgen, und als die Anspannung vorüber war, drehte sich alles in seinem Kopf. Tränen stiegen ihm in die Augen und zwängten sich zwischen den dunklen Wimpern hindurch, um ungehindert seine Wangen hinabzuströmen. Er verstand nicht, was ihm widerfuhr, und auch kein noch so gewaltiger Mut kam gegen die Frustration und Trauer an, die er empfand. Irgendwo in seinem Innern versuchte eine leise Stimme, ihn zu trösten, indem sie ihn daran erinnerte, daß er trotz alledem lebte, und dieser Gedanke, dieses Gefühl ließen die Tränen nur so aus seinen Augen stürzen.
Später, er konnte nicht sagen, wieviel Zeit vergangen sein mochte, glaubte er, er habe noch einmal die Besinnung verloren, denn als er zu sich kam, war alles lichter, heller um ihn herum. Gewiß, in recht bescheidenem Maß zuerst, doch ein schwacher karmesinroter Schimmer tönte den Himmel, und zum ersten Mal konnte er seine Umgebung erkennen.
Da waren Berge - riesenhafte, hochragende Granitfelsen, die sich in beklemmende Höhen schraubten und auf ihn herabzukippen drohten. Schwindelgefühl ergriff ihn.
Obgleich er von seinem Standort aus die Sonne nicht sehen konnte, war der Himmel über den Gipfeln zu einem kränklichen Ton wie altes, abgegriffenes Messing verblaßt, und die Felsen waren von einem blutroten Widerschein gefleckt. Dämmerung ... hatte er die ganze Nacht hier gelegen? Und hier, das bedeutete ein enger, halb mit dem Schutt von zahllosen Erdrutschen angefüllter Schacht; Gesteinssplitter, ein massiver, tonnenschwerer Findling mit scharfer Kante, wo dieser von der Felskante gebrochen war. Als er sich unter Schmerzen drehte, um sich umzusehen, stellte er fest, daß der Schacht direkt unter ihm endete und in einen kurzen, aber steilen Hang mündete, an dessen Fuß eine Art Weg zu verlaufen schien. Ein Paß? Ein von Menschen angelegter Pfad? Wohin mochte er führen? Er schüttelte den Kopf und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Seine Schulter und sein Arm brannten wie Feuer. Er wollte den Schmerz niederkämpfen und suchte, auf dem Boden kriechend, nach einer Stelle, wo seine Füße einen sicheren Halt fänden. Nach langen Mühen gelang es ihm schließlich, sich hochzustemmen, wobei er den scharfkantigen Findling als Stütze benutzte. Die Bewegung rief in seinem Kopf ein Dröhnen hervor, sein Magen reagierte mit einer Welle der Übelkeit, so daß er für eine Weile alles andere vergaß.
Danach hockte er sich wieder auf die Knie, unfähig, sich auf den Beinen zu halten. Er mußte Hilfe finden. Doch die Kräfte verließen ihn, und er konnte nicht mehr zielstrebig genug denken, um eine Entscheidung zu treffen, was er tun sollte. Er drehte sich um, bis er, soweit er ausmachen konnte, mit dem Gesicht in Richtung der aufgehenden Sonne stand. Dann begann er, sich langsam und unter Schmerzen halb taumelnd, über den nächstgelegenen Kamm zu schleppen, der parallel zu dem gewundenen Bergpfad verlief.
Während er sich mühevoll vorwärtsbewegte, stieß er auf mehrere Gebirgsbäche, die rauschend zu Tal stürzten. Obwohl das Wasser rein und klar aussah, sträubte sich alles in ihm, davon zu trinken. Es roch faulig, nach Tod und Verwesung. Angewidert rümpfte er jedesmal die Nase und hoffte darauf, daß er bald jemanden finden würde.
über ihm begann die Sonne langsam dem Horizont entgegenzusinken. Schließlich verlor er mehr und mehr den Bezug zur Wirklichkeit, und die enge Welt des Bergpasses schien zu einem ewigen Traum ohne Anfang und Ende zu werden. Jede Biegung und Krümmung hatte wie die letzte ausgesehen; jeder kahle, feindliche Gipfel hatte dem vorangegangenen geglichen. Er hatte ständig das grauenhafte Gefühl, als rücke Gevatter Tod unaufhaltsam näher und lege mit ausdrucksloser Geste die fleischlosen, lederhäutigen, knöchrigen Hände auf seine Schulter. Und er wollte nicht sterben.
Dann wurde ihm in einem kurzen Aufflackern seines Geistes bewußt, daß die Sicht sich wieder verdüsterte, und als der triste, sinnlose Tag sich seinem Ende näherte, schienen die Felsen sich über ihm zu schließen, als wollten sie ihn in einer letzten Umarmung einfangen, aus der er nicht wieder erwachen würde. Und während er sich dahinschleppte, echote dieses Wort, sein einziger Halt in einer abweisenden Welt, durch sein Denken wieder und wieder ... ANDROMEDA ... ANDROMEDA ... ANDROMEDA ...
Die Ahnung wurde allmählich größer, wuchs zu seinem Erstaunen zu einer unglaublichen Gewißheit heran. Hinter diesem Namen steckte eine Wesenheit, ja eine Wesenheit mit einer ihm noch undeutlichen, aber nichtsdestotrotz glasklaren Absicht, und - der Schock durchflutete ihn - sie wollte ihn benutzen. Ein irres Lachen entrang sich seiner Kehle.
Schließlich kam der Augenblick, da er erkannte, daß er nicht mehr weiterkonnte. Das letzte Licht hatte sich völlig verflüchtigt, und als er seine Hand vors Gesicht hob, konnte er die fahlen Umrisse seiner Finger kaum noch erkennen. Ein großer Felsbrocken ragte vor ihm empor, er streckte die Hand danach aus, hockte sich an dessen Fuß, drückte sein Gesicht an das Gestein und lauschte dem Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Er hatte versucht, sich zu retten, und war gescheitert. Nun konnte er nichts mehr tun ... und dann vernahm er zwischen den lauten, dumpfen Schlägen seines Herzens ein anderes Geräusch. Es war leise, sehr leise, nicht mehr wie ein sanfter Wind, der mit zärtlicher Hand die Blätter streifte. Doch sogleich war er hellwach, denn das Geräusch vermittelte ihm, daß jemand in der Nähe war. Mit pochendem Herzen veränderte er seine Stellung, bis er in die Richtung schauen konnte, aus der das Geräusch, der sanfte Ton, erklungen war. Er strengte seine Augen an, um in der zunehmenden Dunkelheit etwas zu erkennen. Und als er gerade schon zu glauben begann, er habe es sich eingebildet, hörte er ein zweites, eindringlicheres Geräusch. Und während er lauschte, erkannte er plötzlich, daß dieser Ton in seinem Innern schwang. Verwundert schloß er die Augen und horchte. Es hörte sich an wie eine Meereswelle, die langsam, aber stetig an Gewalt und Stärke zunahm und der nichts und niemand gewachsen war, die mit der Kraft einer Flutwelle einen Damm überspülte.
Doch es war keine Meereswelle, sondern ...