Der Menschenfreund - Textauszug


Herz,
sei still und wisse
du bist eins mit dem Göttlichen




Die Minuten, Stunden und Tage zogen in grauer Teilnahmslosigkeit an ihm vorbei. Das Krankenhauspersonal kümmerte sich freundlich um ihn, und hin und wieder besuchten ihn Kollegen aus der Schule. Doch da er meistens in dumpfem Schweigen verharrte, hörten auch diese Kontakte auf. Man hatte ihm angeboten, einen Psychologen vorbeizuschicken, was er harsch abgelehnt hatte. Täglich versank er mehr in seiner selbstgewählten Einsamkeit.
An diesem Morgen hatte der Arzt ihm bei der Stippvisite mitgeteilt, daß er nicht ewig bleiben könne. Und wenn Alfons sich auch weiterhin weigere, sich dem Leben zu stellen, ihm nichts anderes übrigbliebe, als ihn in eine psychiatrische Klinik zu überweisen. Doch selbst das war an Alfons abgeperlt wie Wasser an einer Glasscheibe. Sollten sie ihn abschieben, wohin sie wollten. Was machte es schon für einen Unterschied, wo er sich befand.
Jetzt war es Abend. Die Tür wurde leise geöffnet, und Schwester Ingrid kam herein. „Einen wunderschönen guten Abend, Herr Weichhardt”, sagte sie und kurbelte das Bett hoch, damit er aufrecht saß. „Nun”, fuhr sie fort, „wie geht es uns denn heute?” Sie besaß eine Freundlichkeit, die ihn jedesmal wütend machte, aber davon ließ er sich nichts anmerken. Er schwieg und wünschte sich inbrünstig, daß sie so schnell wie möglich verschwand. Sie stellte das Essen, gestampfte Kartoffeln mit Apfelmus, einen grünen Salat und einen Karamelpudding, auf den Beistelltisch. „Guten Appetit”, wünschte sie noch und schob ihren Wagen hinaus. Dabei vergaß sie in der Eile, die Tür hinter sich zu schließen.
Er wollte ihr hinterherrufen, unterließ es aber seltsamerweise. Manchmal schlurften ältere Patienten an seinem Zimmer vorbei, ohne einen Blick hineinzuwerfen.
Er lag einfach da und sah gedankenverloren zum Flur. Ein kleines Mädchen im Rollstuhl fuhr vorüber. Sie lächelte, hielt spontan an, änderte die Fahrtrichtung und kam zu ihm herein. An der Stellung ihrer Beine glaubte Alfons Weichhardt zu erkennen, daß sie gelähmt war. Ein kaum noch vermutetes Interesse regte sich in ihm, und er betrachtete sie genauer. Ihr dickes blondes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die hellen Augenbrauen lagen gleichmäßig über ungewöhnlich schönen großen runden Augen, deren Farbe ihn an ein weites klares Himmelsblau erinnerte. Sie hatte eine Stupsnase, von deren Rücken Sommersprossen bis unter die Augen liefen. Sie fuhr ganz dicht an ihn heran, legte den Kopf ein wenig zur Seite und schaute ihn an.
Nach mehreren Minuten hatte sie noch immer kein Wort gesagt. Sie saß einfach da, schwieg und schaute ihn an. Langsam begann Alfons Weichhardt nervös zu werden.
„Was willst du?” sagte er ruppiger als gewollt.
„Dich angucken. Das siehst du doch”, antwortete sie, und bevor er darauf etwas entgegnen konnte, fuhr sie fort: „Bist du der Mann, der mit niemandem mehr etwas zu tun haben will?”
„Genau“, sagte Alfons gereizt. „Und darum ist es am besten, wenn du jetzt gehst.“
„Ich kann nicht gehen. Ich bin gelähmt.“
„Das tut mir leid, Kleine. Aber du bist nicht die einzige, die es schwerhat. Bitte fahr hinaus, und laß mich jetzt in Ruhe! Ich will schlafen!“
Sie tat so, als habe sie ihn nicht gehört.
„Die Ärzte sagen, daß ich immer an diesen Rollstuhl gefesselt bleiben werde.“
„Das tut mir wirklich leid für dich, aber ...“
„Ich glaube das nicht.“
„Was soll das heißen?“ fragte er verdutzt und richtete sich etwas auf.
„ER hat mir gesagt, ich solle nicht darauf hören. Die meisten Menschen seien unvorstellbar kleingläubig. Und Ärzte seien eben auch Menschen.“
„Wer ist er?“
„Der Menschenfreund!“
„Ah, der Menschenfreund.“ Alfons lächelte süffisant.
„Du kennst ihn also auch nicht“, sagte sie mit einem Anflug von Traurigkeit, „aber das habe ich mir schon gedacht. Wer so mürrisch aussieht wie du, muß ihn ja vergessen haben.“
„Was in Dreiteufelsnamen geht dich mein Mürrischsein an?“ entgegnete Alfons aufgebracht, „kümmere dich um deine Sachen, und laß mich endlich in Ruhe.“
Das Mädchen schloß die Augen und sah aus, als nähme sie ihn nicht mehr wahr. Nach einer Minute öffnete sie sie, hielt sich die Hand vor den Mund und lachte verschmitzt.
„Kannst du mir vielleicht mal sagen, was so komisch ist?“ brummte Alfons gereizt.
„ER sagt, daß dein Problem darin besteht, daß dein Kopf randvoll ist wie ein Eimer mit Kuhkacke.“
„Wie was?“ entfuhr es Alfons mehr überrascht als entrüstet.
„Tut mir leid“, lachte sie fröhlich heraus, „aber genau das hat ER gerade gesagt.“
„Ein Haufen Kuhkacke?“ Alfons schmunzelte widerstrebend. „Wie meint er das, dein, dein ... na, der Menschenfreund eben.“ Das Wort bereitete ihm sichtlich Unbehagen.
Wieder schloß sie die Augen. Nach einigen Sekunden sagte sie: „ER meint, daß du immer dieselben öden und dummen Gedanken durchkaust wie eine Kuh ihr Gras, und hinten kommt dann nichts als Kacke heraus. Der einzige Unterschied sei, daß es bei der Kuh hinten und bei dir vorne herauskäme. ER findet, du solltest es mal mit etwas Neuem probieren.“
„Das reicht aber nun wirklich. Sag“, setzte Alfons gleich nach, um das Thema zu wechseln, „wie heißt du eigentlich?“
„Dorothee.“
„Gut, Dorothee. Wärest du bitte jetzt so lieb, mich allein zu lassen?“
„Du kannst es ja doch.“
„Was kann ich doch?“
„Freundlich sein.“
„Anders scheint man ja bei dir nicht weiterzukommen.“
„Das stimmt. Freundlichkeit, die von Herzen kommt, sagt der Menschenfreund, ist eine der schönsten und höchsten menschlichen Eigenschaften. Und man soll es niemandem durchgehen lassen, wenn er einen unfreundlich behandelt. Man soll immer klar und deutlich sagen, daß man geachtet werden will.“
„So?“ Alfons schwieg einen Augenblick. „Na wie auch immer. Ich möchte jetzt aber wirklich gern allein sein.“
„Gut, dann fahr ich jetzt.“ Sie schaute ihn noch einmal an. „Aber nur, wenn ich wiederkommen darf.“
„Das ist ja Erpressung.“
„Stimmt“, lachte sie frech.
„Na gut, meinetwegen. Aber jetzt mach, daß du wegkommst!“
Sie wendete den Rollstuhl mit ihren kleinen kräftigen Armen und lächelte glücklich. „Vergiß nicht, die Tür hinter dir zu schliessen!“ rief Alfons ihr noch nach. Die Klinke rastete ein, und es war wieder still im Zimmer.
Den Rest des Abends fiel Alfons in beharrliches Nachdenken. Ein Wort kreiste unaufhörlich durch seinen Kopf. Es war das Wort „Kuhkacke“, und es machte ihm mehr zu schaffen, als er sich eingestehen wollte. Insbesondere, wenn er sich so einen dampfenden Fladen auch noch vorstellte. Dieses verflixte vorlaute Gör, dachte er, kommt hier einfach reingeschneit und plappert drauflos. Der Menschenfreund. So ein hirnverbrannter Blödsinn.

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