Das Geheimnis der Mondblüte - Textauszug

Inhalt


Die Nacht hat tausend Augen
Der Nachtschalk
Der verborgene Schlüssel
Im Labyrinth des Herzens
Das Geheimnis der Mondblüte




Abwärts wend` ich mich
Zu der heiligen, unaussprechlichen
Geheimnisvollen Nacht -
Hast auch du
Ein menschliches Herz,
Dunkle Macht?
Was hältst du
Unter deinem Mantel
Das mir unsichtbar kräftig
An die Seele geht?
Du scheinst nur furchtbar -
Und doch -
Köstlicher Balsam
Träuft aus deiner Hand.


Aus
„Hymnen an die Nacht“

von Novalis




Die Nacht hat tausend Augen


Es war kalt. Die Frau, die auf dem Stuhl vor dem Küchenfenster saß, zog ihre dicke wollene Jacke fester um ihre Schultern und schüttelte sich. Sie fror.
„Ja, ist gut“, sagte sie sanft, und Traurigkeit schwang in ihrer Stimme, als sie der rotbraunen Katze, die auf ihrem Schoß ruhte, behutsam mit leicht zitternder Hand über den Kopf strich. Die dunklen geheimnisvollen Augen des Tieres musterten sie einen Augenblick, und Karin hatte das Gefühl, als schaue das Tier in ihr Innerstes, erkenne und teile ihren Kummer. Die Frau hob den Kopf und lächelte müde. Selbst dieser auf seltsame Weise verbindende Akt zwischen Mensch und Tier spendete ihr keinen Trost.
Der feine Regen, der seit dem frühen Morgen unablässig vom grauverhangenen Himmel fiel, bildete Schlieren auf dem Fenster und ließ nur hier und da kleine Flächen auf dem Glas frei, durch die man Umrisse vage erkennen konnte: etwa einen kleinen Ausschnitt vom Stamm der alten Linde, die den Mittelpunkt des verwilderten Hinterhofgartens bildete und ihre Äste weit ausstreckte. Es war Frühjahr, und bald würden sich die ersten Blattknospen ausrollen und ihr zartes Gewebe Wind und Wetter preisgeben. Karin fühlte sich ihnen verbunden. Sie spürte auch in sich dieses Feine, Verletzliche, das allem Neugeborenen innewohnt. Kaum daß sie daran dachte, verkrampfte sich ihr Magen gegen den Schmerz, der aufsteigen wollte. Um sich davon abzulenken, strich sie über das weiche Fell der Katze, die sofort leise zu schnurren begann. Doch es half nicht. Die Erinnerung bahnte sich den Weg in ihren Geist, und sie hatte nicht mehr die Kraft, sich zu widersetzen. Das Gesicht ihres Mannes tauchte vor ihrem inneren Auge auf, und ein schwerer Ring legte sich um ihr Herz, das wie ein fremder Gegenstand in der Brust schlug, so als gehöre es nicht zu ihr. Sie seufzte. Eigentlich, wenn sie ehrlich war, hatten sie einander nie verstanden. Aber neun Jahre waren eine lange Zeit, eine Zeit, in der man sich Stück um Stück näherkam und die man nicht einfach dem Vergessen anheimfallen lassen konnte. Vor einem Monat, oder waren es schon zwei, hatten sie sich getrennt. Seine Entscheidung zu gehen war wie aus heiterem Himmel über Karin gekommen. Natürlich, die verspielte Liebe und die Spontaneität am Anfang ihrer Beziehung waren schon seit Jahren vergangen. Aber ging das nicht allen so? Mußte man nicht, dachte sie, wenn man wirklich eine dauerhafte Beziehung führen wollte, durch unzählige Abgründe und Banalitä-ten, durch große und kleine Kämpfe, um dann - ja was eigentlich? Zur wahren Liebe durchzustoßen? Sie schüttelte den Kopf. Fragen, immer nur Fragen. Warum hatte es nicht ge-klappt? Mein Gott, schimpfte sie bitter in sich hinein, wir sind doch nicht dumm. Wir sind normale, intelligente Menschen und - so mußte sie sich eingestehen - waren nicht mehr fähig gewesen, dem anderen noch zuzuhören, geschweige denn wirkliche, tiefe Liebe füreinander zu empfinden. Nicht einmal Zuneigung. Und doch. Trotz alle dem waren die Gefühle des Verlustes und der Einsamkeit manchmal mehr, als sie glaubte ertragen zu können. Warum war der verdammte Kerl auch immer so halsstarrig gewesen, nicht bereit, von seinem Gefühl männlicher Überlegenheit abzulassen. Hin und wieder, erinnerte sie sich, war sein Blick kalt und hart wie Eis gewesen, und sie hatte gemeint, pure Verachtung hinter der bewegungslosen Oberfläche seiner Augen wahrgenommen zu haben. Wenn sie ihn darauf ansprach, hatte er das immer heftig von sich gewiesen, als sei sie nicht ganz bei Trost und nur ihrer weiblichen Gefühlsduselei verhaftet. Manchmal, erkannte sie in diesem Moment, hätte sie ihn umbringen können. Sie lächelte. Der Zorn tat gut, zumindest holte er sie für einen Moment aus ihrer Schwermut.
Die Katze hob den Kopf und gähnte; dann rollte sie sich ein und döste weiter.
War er es überhaupt wert, ließ Karin ihren Gedanken freien Lauf. War er es wirklich wert, daß sie hier grübelnd und voller Kummer herumsaß? Nein, absolut nicht. Sollte er verdammt noch mal bleiben, wo er wollte. Was hatte er ihr schon gegeben in den letzten Jahren? Nichts, oder zumindest fast nichts. Gut, er hatte das Geld nach Hause gebracht, dafür hatte sie den Haushalt und ihn versorgt. Und Frauengeschichten? Er hatte bestimmt welche gehabt, war aber zu feige gewesen, es ihr zu sagen. Karin merkte, wie sie sich langsam aber sicher in einen reinigenden Zorn hineinsteigerte. Sie blickte auf und gewahrte erst jetzt, daß der Regen aufgehört hatte und die Sonne zum Vorschein kam. Mehrere dünne Strahlen fielen durch das Fenster, einer tastete gleich einem Lichtfinger über ihren Hand-rücken, und sie spürte Wärme auf ihrer Haut. Sie griff nach der Katze und legte sie auf einen anderen Stuhl. Die maunzte verärgert und fügte sich dann in ihr Schicksal. Sollte einer die Menschen verstehen. Immer wenn es am schönsten war, mussten sie irgend etwas tun und alles durcheinanderbringen.
Karin öffnete das Fenster und sog in tiefen Zügen die frische, sich allmählich erwärmende Luft ein. Zum erstenmal seit der Trennung von ihrem Mann hatte sie wieder ein Gefühl von Zuversicht und Kraft. Sie würde mit der Trennung fertig werden, das war sicher. Sie holte sich eine alte Zeitung und reinigte damit die verschmierten Scheiben. Dann beugte sie sich vor, stützte die Unterarme auf die Fensterbank und ließ den Blick über den Hinterhof schweifen. Holunderbüsche, deren Blätter schon ausgetrieben waren, und ineinander verschlungene Forsythiensträucher, die ihr knalliges gelbes Blütenmeer der Welt darreichten, wucherten unter ihrem Fenster. Gegenüber sprossen Narzissen und Krokusse in Weiß und Blau. Sie hörte ein Piepsen und wand den Kopf. Ein Rotkehlchen saß nur eine Armeslänge entfernt auf einem dünnen Zweig und betrachtete sie neugierig aus seinen kleinen flinken Augen. Als sie eine Bewegung mit der Hand machte, flog es verschreckt davon. Karin lächelte, als sie erkannte, daß ihr der Blick für das Schöne, für Farben und Formen, nicht verlorengegangen war. Manchmal während der letzten Tage hatte sie geglaubt, niemals aus der trüben, selbstquälerischen Dumpfheit ihres Herzens auftauchen zu können. Doch jetzt keimte neue Hoffnung in ihr.
Schließlich, dachte sie, hast du jetzt die Freiheit, deinen eigenen Weg zu gehen, und brauchst nicht mehr auf einen blöden Kerl Rücksicht zu nehmen, der dich überhaupt nicht verdient. Sie fuhr mit der Hand durch ihr langes schwarzes Haar und spürte Freude aufsteigen. So hatte sie das Ganze bisher nicht betrachtet, aber es schien ihr wesentlich verlockender, als weiterhin Trübsal zu blasen. Sie zog den Stuhl heran, setzte sich und versank in den Anblick des Gartens. Allmählich vergaß sie alles um sich herum, war nur noch reine Wahrnehmung. Die Sonne verschwand hinter dem Dach des gegenüberliegenden Hauses, und verschiedene Schatten bildeten eine neue, aufregende Welt. Noch war so viel Licht, daß sich die dunkleren Flächen mit ihren scharfen Kanten vom helleren Hintergrund abhoben. Doch mit der Zeit waren Minuten oder Stunden vergangen? Sie wußte es nicht - verschmolzen die grauschattierten gestrichelten Linien und Strukturen mit der alles verschlingenden Schwärze. Plötzlich schrak sie zusammen. Dort, unter der Krone der alten Linde, in der zunehmenden Finsternis kaum zu erkennen, bewegte sich etwas. Es sah aus wie ein Knäuel aus Schlangen, deren glatte biegsame Körper sich wie in einem Tanz wanden. Karin rieb sich die Augen. Es mußte an ihrer Erschöpfung liegen, oder sie war schon so durcheinander, daß ihr Geist anfing, ihr etwas vorzugaukeln. Wie auch immer. Aus einem ihr unerklärlichen Grund konnte sie den Blick nicht abwenden, und ihr war, als würde sie von magischen Kräften in die Finsternis gezogen. Ungewöhnliche Gedanken gingen damit einher. Eine Vermutung schuf sich Raum in ihrem Geist, eine Ahnung, daß es mehr geben müsse im Leben als triste, durchstrukturierte Tage und festgefahrene Beziehungen, die jegliche Lebenslust eindämmten. Mit der Behutsamkeit einer liebevollen Mutter zogen unsichtbare Mächte sie immer tiefer in eine samtene Dunkelheit. Karin war wie in einem Bann gefangen. Sie glaubte, eine fremde Stimme zu hören, die sie sanft anhielt sich zu entspannen. Bildfragmente tauchten auf, die keinen Sinn ergaben und durch ihren Kopf huschten.
Dann, ganz langsam, wurde ihr Geist von etwas Hellem erfüllt. Sie sah Wasser, das sich an der Oberfläche eines Teiches kräuselte; aus seiner Tiefe stieg ein Licht empor. Plötzlich spürte sie ein starkes Verlangen, den mächtigen Wunsch, ein anderes, ein neues, ein pulsierendes Leben zu leben. Für mehrere Sekunden glaubte sie in Flammen zu stehen, als glühe jede Zelle ihres Körpers. Sie hörte ein leises Geräusch und erwachte aus der geheimnisvollen Trance.
Die Katze war auf die Fensterbank gesprungen und drehte ihr den Kopf zu. Verwundert hielt Karin den Atem an. Etwas an dem Blick des Tieres war merkwürdig, so als lächele es und wisse etwas, das ihrem eigenen Geist verschlossen war. Eine Weile ruhten ihre Augen ineinander. Schließlich wurde Karin unruhig. Sie sah Schlangen, wo keine waren, hatte seltsame Worte im Kopf, und glaubte, daß Minka ihr etwas sagen wolle. Das war einfach unsinnig. Oder?
Plötzlich spannte die Katze ihre Muskeln, sprang mit einem geschmeidigen Satz auf einen armdicken Ast des Holunderbusches und von dort hinab auf den Boden. „Minka“, rief Karin in die Nacht, „komm sofort zurück. Minka!“ Im gegenüberliegenden Haus wurde Licht gemacht, und ein breiter heller Streifen durchschnitt die Dunkelheit. Sie entdeckte das Tier beim Stamm der alten Linde, wo es verharrte und zu ihr hinaufschaute. Minkas Augen funkelten wie Sterne, und sie schien zu warten. Karin versuchte, sie mit einschmeichelnder Stimme zu sich zu locken. „Komm, mein Dicke, komm“, sagte sie, „ich hab` hier was Leckeres.“ Normalerweise reagierte Minka auf diese Art von Verführung, doch jetzt rührte sie sich nicht vom Fleck.
„Mist“, schimpfte Karin, zog den Reißverschluß der Wolljacke zu und ging verärgert in den Hof hinunter. Minka saß noch immer an derselben Stelle und leckte ihre Pfoten. „Jetzt komm“, murmelte Karin ungeduldig und kam langsam, Schritt für Schritt näher. Bis auf Armeslänge ließ das Tier sie an sich heran, dann schoß es blitzartig davon in Richtung Straße. Panik erfaßte Karin. Ein Auto raste vorbei. Sie rannte los. Zweige schlugen ihr ins Gesicht. Sie achtete nicht darauf. Dann stockten ihr Atem und Herz. Sie stand auf dem feuchten, glitschigen Bürgersteig. Nicht weit entfernt spendete eine Straßenlaterne kaltes Licht. Minka huschte über die Fahrbahn, während ein Auto mit quietschenden Reifen um die Kurve bog. Ein Entsetzensschrei bildete sich in Karins Kehle, und sie sah Minkas Körper schon zerfetzt und blutig am Straßenrand liegen. Doch wie durch ein Wunder schaffte es das Tier, sich im letzten Moment in Sicherheit zu bringen und unter den tiefhängenden Zweigen einer Weide zu verschwinden. „Verdammter Idiot“, schimpfte sie dem Autofahrer hinterher. Sie hatte sein Gesicht gesehen. Ein junger Mann, der anscheinend nichts Besseres zu tun hatte, als rücksichtslos durch die Gegend zu rasen. Sie atmete mehrmals tief durch und lachte dann erleichtert. „Verflixtes Katzenvieh“, murmelte sie, lief über die Straße und bahnte sich mit den Händen einen Weg durch das dichte Zweigwerk einer Weide. Immer wieder rief sie Minkas Namen, und zu allem Überfluß konnte sie kaum etwas erkennen. Das Licht der Sterne war zu schwach. Doch mit der Zeit gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, konnten in der sie umgebenden Schwärze Unterschiede wahrnehmen. Ein leichter Wind kam auf und bewegte die dünnen Zweige der Büsche zu beiden Seiten. Karin meinte, ein Rascheln vernommen zu haben, blieb stehen und lauschte. Doch da war nichts. Sie ging weiter und entfernte sich mehr und mehr von den Häusern ihres Wohnviertels, ganz damit beschäftigt, Minka zu finden. Dann hörte sie ein Schaben, als kratze etwas Scharfes über einen glatten Stein. Sie wirbelte herum und versuchte mit weit geöffneten Augen, etwas in der Finsternis zu erkennen. Schlich dort nicht etwas durch das ineinander verwobene Wurzelwerk eines großen Baums?
„Minka?“ sagte sie leise, und zum erstenmal schwang Angst in ihrer Stimme mit. „Minka?“ Nichts rührte sich. Sie blieb stehen, bewegte sich nicht. Mit einemmal schien sich die sie umgebende Dunkelheit zu bewegen. Ein eisiger Schauer rieselte über ihren Nacken, und sie war nicht fähig weiterzugehen. Karin atmete tief durch. Die Luft war klar und frisch, roch nach Frühling und Wald, schien aber gleichzeitig von einer mysteriösen Transparenz, die etwas Unheimliches barg. Das weitverzweigte Geäst der Baumkronen schien ihr wie krüppelige, erstarrte Arme und Finger bedrohlicher Riesengestalten. Das Atmen fiel ihr schwer. Etwas drückte gegen ihre Brust, drang förmlich in sie ein und schnürte ihr Herz zusammen. Ihre Knie zitterten. Plötzlich hörte sie deutlich einen Knall, wie von einem Peitschenhieb, und die Angst steigerte sich zu Panik. Was war da in der Nacht? Was verfolgte sie? Karin krallte die Finger in ihre Jacke, und schlagartig wurde ihr bewußt, wie weit sie sich von ihrem Zuhause entfernt hatte. Sie wußte nicht einmal, wie lange sie unterwegs war. Eine Stunde? Zwei Stunden? Oder vielleicht nur eine halbe? Minka! Sie mußte Minka finden. Steif vor Angst schaffte sie es, sich ein wenig zu drehen. Sie versuchte, mit ihren Augen die Schwärze zu durchdringen. Atmete dort jemand? Sie lauschte angestrengt. Hockte dort vielleicht ein gewalttätiger, widerwärtiger Kerl und wartete nur auf eine Gelegenheit, um über eine wehrlose Frau herfallen zu können? Karins Angst steigerte sich ins Unermeßliche. Ein Schrei bildete sich in ihrer Kehle. Alle Alarmsirenen ihres Körpers schrillten auf. „Renn!“ drängten sie. „Lauf um dein Leben!“ Nichts hätte sie lieber getan, aber sie konnte nicht. Es war, als lähme eine unsichtbare, düstere Macht sie und besiegele ihr Schicksal. Ihre Augen flackerten wild. Ein brummender Ton strömte auf sie ein, wie Luftwellen, die sich an ihren Ohren brachen. Ein hysterisches Kichern hallte in ihr, stürzte in ihr Bewußtsein, kreischte. Sie hatte Angst, wahnsinnig zu werden. Um Himmels willen, mischte sich ihr Verstand ein, versuchte, einen Halt zu finden, irgend etwas, das sie beruhigte.
Minka?
Was konnte Minka schon tun? Karins Zähne schlugen aufeinander. Überall in der Finsternis schienen Augen aufzuleuchten, ovale, runde fluoreszierende Augen, die sie beobachteten. Dann hörte sie ein Stapfen wie von schweren Stiefeln, die durchs Unterholz brachen, und eine wuchtige Masse, ein pulsierendes amorphes Etwas, kam auf sie zu. Und endlich löste sich der Schrei von ihren Lippen. Ein heiseres Krächzen zuerst, sich mehr und mehr befreiend, schließlich klar und kraftvoll. Aus der Tiefe ihres Seins stieg es auf, getragen vom Mut des Herzens und der Macht ihres Willens, den sie in dieser Stärke niemals zuvor wahrgenommen, geschweige denn in sich vermutet hätte. Auch das Atmen fiel ihr wieder leichter, und sie füllte ihre Lunge mit der würzigen Nachtluft. Was immer dort draußen hausen mochte, jetzt mochte es kommen. Die Steifheit ihres Körpers war wie weggeblasen. Sie fühlte sich mit einemmal wehrhaft und wollte ihr Leben, wenn es denn bedroht war, so teuer wie möglich verkaufen. Gelockert und hellwach stand sie da und erwartete den Angreifer.
Plötzlich war es völlig still. Kein Windhauch, kein Rascheln eines Nachtieres auf der Jagd, nichts. Es schien, als habe das amorphe Etwas nur in ihrer Einbildung existiert. Die Klarheit ihres Geistes war wie die Schärfe eines Messers, wie der wolkenlose Himmel eines heiteren Sommertages. Dann spürte sie etwas Weiches auf ihrer Schulter, war jedoch nicht fähig, den Kopf zu drehen, und eine wohlklingende Stimme flüsterte in ihr linkes Ohr: „Suche ...“
Suche?
„Suche das Geheimnis der Mondblüte.“
Das Geheimnis der Mondblüte?
„Was soll das heißen?“ entfuhr es ihr. Aber die Stimme war fort. Karin blickte sich um, faßte ihre Schulter, aber da war nichts.
„So ein Blödsinn“, lachte sie. „Das Geheimnis der Mondblüte.“ Sie schaute zum Himmel.
„Dort wirst du des Rätsels Lösung nicht finden.“
Karin wirbelte herum. „Wer bist du? Wo steckst du?“ fragte sie ärgerlich, „zeige dich mir.“
Alles, was sie erntete, war ein geheimnisvolles Gelächter, das ihr Herz auf seltsame Weise rührte.
„Wo ist Minka?“ rief sie.
„Mach dir keine Sorgen“, antwortete die Stimme, „sie ist bei dir. Immer. Komm und folge mir.“
Mach dir keine Sorgen, dachte Karin, das sagst du so einfach, und folgte der unsichtbaren Sprecherin. Sie und das Geheimnis der Mondblüte waren zu verlockend, um sich ihnen entziehen zu können.
Damit betrat sie eine andere Welt, ein anderes Leben, ganz wie es ihr Wunsch gewesen war. Doch was das bedeutete, sollte ihr erst viel später klar we


Der Nachtschalk




Mit jedem Schritt, den Karin weiterging, schien sich die Luft zu erwärmen, bis der Wind wie ein zarter Hauch über ihre Haut strich, sinnlich, schmeichelnd. Sie spürte weiches Gras unter ihren Fußsohlen, blieb stehen und sah erstaunt auf ihre Füße hinab. Sie waren nackt. Wo waren ihre Strümpfe und Schuhe? Sie war sicher, sie nicht ausgezogen zu haben. Wieder lief ihr ein Frösteln über den Rücken, wie aufsteigende Bläschen, die an ihrer Schädeldecke zerplatzten und die eine seltsame Wirkung ausübten. Karin fühlte sich wach, hellwach. Sie schloß die Augen, um dieses eigentümliche, ungewohnte Gefühl ganz in sich aufzunehmen. Doch es gelang ihr nicht, sich zu konzentrieren. Was ging hier vor? Ein Impuls durchströmte sie, auf der Stelle umzukehren. Aber wohin? Sie konnte sich nicht mehr erinnern, was sie hier wollte. Sie hatte irgend etwas gesucht, aber was? Sosehr sie sich auch bemühte, es fiel ihr nicht ein. Es war, als sei die Antwort wie hinter einem Nebelschleier verborgen. Dann spürte sie deutlich eine Feuchtigkeit, die sich wie ein kaltes, seelenloses, nichtsdestotrotz lebendiges Wesen an sie herantastete. Spiralenförmig wand es sich von ihren Füßen aufwärts zum Kopf, hüllte sie ein, schien erfüllt von Wesen-heiten, deren widerwärtige Gesichter mal starr, mit bösen Augen, die teuflisch funkelten, auf sie blickten, sich mal wie Hefeteig ausdehnten, um schließlich in einem dunklen Teil ihres Bewußtseins zu verblassen. Karin hatte keine Angst, obwohl sie steif und bewegungslos wie eine Statue dastand. Es war, als betrachte sie einen Film und stehe somit außerhalb ihres eigenen Erlebens. Nach einer Weile verschwanden die Wesen und tauchten nicht mehr auf. Auch der Nebel, die feuchte vibrierende Glocke um ihren Körper, löste sich auf, und ein schwacher rötlicher Schimmer war zu erkennen, als die Schwaden sich mehr und mehr lichteten. Karin staunte, als sich das Bild im Hintergrund, zuerst nur ein mattes, verschwommenes Leuchten, allmählich verdichtete und seine endgültige Gestalt annahm. Es war wunderschön, und sie wußte, es war Wirklichkeit, kein Traum, kein Wunschdenken. Vor ihr, wie von geheimnisvoller Hand gezaubert, glitzerte und glänzte ein Gebirge aus dunkelroter Seide oder wie durchsichtiges gefrorenes Wasser, durchzogen von Adern in der Farbe des Blutes, die wie sich windende Schlangen ein Eigenleben führten und einen hypnotischen Tanz aufführten. Mitten in diesem Gebirge klaffte ein ovaler Riß. Oberhalb und an den Seiten des Risses, dessen Ausstrahlung sie gleichzeitig abstieß und anzog, hingen wie in der Bewegung erstarrte Wasserkaskaden herab, bildeten fleischfarbene Überlappungen und endeten in walnußgroßen Tropfen, die das schwache Licht des Mondes spiegelten.
Das Licht des Mondes?
Karin hob verwirrt den Kopf. Tatsächlich. Eine schmale Sichel stand am Himmel. War nicht Neumond? Doch auch daran konnte sie sich nicht erinnern. Ihr Geist wurde in einen anderen Raum gezogen; eine Welt, in der Zeit Ewigkeit bedeutet, und plötzlich war ihr, als durchbreche ihr Bewußtsein einen Schleier, der um ihre Wahrnehmung gelegen hatte. Sie blickte geradeaus. Die Öffnung, der Riß im Gebirge, gähnte wie ein gieriger Schlund, zog an ihr, forderte sie auf einzutreten. Ihr Herz klopfte heftig, doch sie gab dem Rufen nicht nach. Sie spürte eine Warnung, ein letztes Aufbäumen, sich nicht dem Wahnsinn oder was immer dort im Innern der Höhle auf sie lauern mochte zu überlassen. Doch etwas, das stärker war als beklemmende Furcht, rührte sich. Ein Gefühl von Sehnsucht nach Mut und Kraft, von absoluter Einsamkeit und instinktivem Begreifen verwirrte, ja schockierte sie durch die Intensität, die mit ihm einherging, bis sie schließlich weder in der Lage war, den Riß, die klaffende Öffnung, anzusehen, noch sich von ihm abzuwenden.
„Suche das Geheimnis der Mondblüte.“
Da war sie wieder, die Stimme. Ganz nah an ihrem Ohr spürte sie sie, wie ein befremdliches Flüstern. Das Geräusch leiser Schritte, samtene Pfoten auf trockenem Laub drang in ihre Gedanken. Dann ein lautloses Huschen, als zöge sich etwas eilig von ihr zurück. Sie fror. Was wird dich erwarten, wenn du weitergehst? fragte sie sich und erhielt augenblicklich eine Antwort.
„Das Unbekannte, das Unerwartete wirst du finden und einen Schatz, den die meisten Menschen verloren haben.“
Diese Worte kamen aus ihrem Innern, nicht von der sonderbaren Stimme. Sie wollte mehr darüber wissen, doch ihre Auf-merksamkeit wurde von dem erneuten Rufen aus der Finsternis hinter der Öffnung gefangengenommen. Es wurde eindringlicher, so als dulde es kein Widerstreben mehr. Sie mußte sich entscheiden, nahm all ihren Mut zusammen und ging durch den Riß. Kaum daß sie den Eingang durchschritten hatte, war sie von Stille umgeben, einer beunruhigenden Stille, die auf etwas zu warten schien. Karin fühlte sich hilflos. Ihr Unterleib verkrampfte, und ein stechender Schmerz durchzuckte ihr Becken. Erst jetzt wurde ihr wirklich bewußt, daß sie eine Welt voller Geheimnisse und schreckenerregender Wesen, voller Faszina-tion, Ängste und wunderlicher Möglichkeiten betreten hatte. Und gleichzeitig wurde ihr klar, daß es, seit sie die Öffnung hinter sich gelassen hatte, kein Zurück mehr gab. Und wie um ihre Angst zu bestätigen, schloß sich der Eingang mit einem dumpfen Ton.
Worte erklangen in der Finsternis.
„Jetzt geht es los.“
Jetzt geht es los? Was sollte das heißen, und wer sagte das? Karin war verwirrt. Dunkelheit umhüllte sie wie ein schweres Gewand, das jeden Laut verschluckte. Sie wagte nicht, sich zu bewegen. Es wurde heiß und stickig, und die Wände der Höhle schienen näher zu kommen. Und wahrhaftig: Pulsierende schleimabsondernde, glitschige Wände drängten sich wie men-schliche Körper an sie, zogen sich zusammen, dehnten sich und schoben sie vorwärts. Karin hatte das Gefühl, als würde sie gedrückt und geknetet, als befände sie sich in einer riesigen Gebärmutter, die sie hinaustrieb. Sie hatte den absurden, bizarren Eindruck, als keuche und stöhne der Berg, als bereite ihre Anwesenheit ihm Schmerzen und er müsse sie mit aller Gewalt aus sich hinaustreiben. Doch als wäre es nicht genug, rückten die Wände noch näher, preßten sie unbarmherzig voran. Etwas schmiegte sich um ihren Kopf, und sie bekam keine Luft, hatte panische Angst zu ersticken. Sie strampelte mit den Beinen und spürte Wut aufsteigen, wollte heraus. Es war ein verzweifelter lautloser Kampf um Leben und Tod. Plötzlich hielt der Berg einen Moment inne, schenkte ihr einen unerwarteten Augen-blick der Erholung, bevor er mit der pressenden Bewegung fortfuhr. Karin kämpfte mit aller Gewalt. Ihr gegenüber der Masse des Berges kleiner Körper war bis zum äußersten gespannt. Dann, genau an dem Punkt, als sie meinte, es nicht mehr ertragen zu können und sterben zu müssen, öffneten sich die Wände und befreiten sie von einem unerträglichen Druck. Sie wurde hinausgeworfen in eine Welt grellen Lichts und eisiger Kälte. Karin schlug die Hände vors Gesicht, um ihre Augen zu schützen. Sie bibberte am ganzen Leib und stellte mit Entsetzen fest, daß sie nackt war. Wie ein Baby legte sie sich zusammengekrümmt auf die Seite und begann leise zu wimmern. Allein und verloren lag sie hier, und das einzige, was Wärme versprach, war der harte Fels, auf dem sie lag. Der Schock über die abweisende Umgebung legte sich nur langsam. Jeder Atemzug fiel ihr schwer. Es war, als stächen unzählige winzige Eispartikel von innen gegen ihre Luftröhre. Ihr Magen war angeschwollen, fühlte sich an wie eine gallertartige Masse, umgeben von einem trügerisch festen Gewebe. Sollte dies das Geheimnis der Mondblüte sein? Darauf konnte sie wahrlich verzichten. Doch während sie noch grübelte, begann in unmittelbarer Nähe der Boden zu glühen. Der wirbelnde blutigrote Kreis war nicht größer als ein Teller, und ein leiser dunkler Ton, gleich rhythmischen Trommelschlägen, begleitete sein Erscheinen. Müde stemmte Karin sich auf den Ellbogen ab und betrachtete den kleinen Kreis, der eine wohltuende Wärme verströmte. Sie kroch näher heran. Am liebsten hätte sie sich jetzt schlafen gelegt, um schließlich aufzuwachen und festzustellen, daß alles nichts war als ein schrecklicher Traum. Statt dessen stand sie zu ihrer eigenen Verwunderung auf. Benom-men, noch wackelig auf den Füßen, stellte sie sich breitbeinig über das Glühen im Boden. Nur zögerlich verschwand die Kälte aus ihren Gliedern, die ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt und ihre Knochen mit frostiger Starre belegt hatte. Danach ein Moment der Ruhe, der es ihr erlaubte, noch achtsamer nach innen zu schauen. Sie bemerkte ein Kribbeln, wie Wasserperlen in einem Glasbehälter. Es stieg von einem Punkt in der Mitte ihrer Fußsohlen auf, vereinigte sich in ihrem Uterus und erfüllte sie mit frischer sinnlicher Kraft. Ja, es war eindeutig etwas Starkes, Lustvolles, Lebenspendendes, das sie wohlig durchströmte.
„Mutter?“
Verstört lauschte sie dem von ihr selbst ausgesprochenen Wort und schrak leicht zusammen, als es als Echo von den Wänden widerhallte. Dann kicherte sie nervös. Wurde sie verrückt? Es konnte doch nicht anders sein, oder?
„Mutter?“
Noch während das Wort ein zweites Mal durch die Grotte hallte, begann ihr Körper sanft zu vibrieren, als bebe die Erde, als wolle sie ihr antworten.
„Mutter?“
Diesmal sprach sie es kraftvoller aus, versuchte, eine Verbin-dung zu finden. Doch zu wem? Da war niemand außer einer diffusen Stimme, die auftauchte und verschwand, wie es ihr beliebte. Ein Gefühl trieb sie, die Hand auszustrecken, sich an etwas festzuhalten, als könne sie nur so ihr Gleichgewicht wahren. Abrupt hielt Karin inne, unfähig, sich zu rühren. Sie tauchte in einen zeitlosen Augenblick ihrer Existenz und spürte in ihrem eigenen Geist den einer fremden Wesenheit. Dieser fremde Geistes war vorsichtig, sanft und doch von einer Macht, die den Atem raubte. Erschrocken versuchte sie, sich ihm zu entziehen, doch das bestürzende Gefühl, daß etwas in sie eingedrungen war, ließ sich nicht abschütteln.
„Mutter?“ Sie flüsterte das Wort. Konnte und wollte es nicht mit dem in Einklang bringen, was sie erlebte. Das war einfach unmöglich.
„Nichts ist mehr unmöglich.“
Da war wieder die Stimme.
„Du hast das Reich der Nacht, des Unbekannten betreten. Hier gelten andere Gesetze als in deiner alltäglichen Welt. Hier kannst du dich nicht auf deine Sinne verlassen. Hier ist Wahr-heit Täuschung und Täuschung Wahrheit. Hier ist Wachsamkeit oberstes Gebot und Träumerei der Untergang. Ah, ein köstliches Rätsel. Findest du nicht? Jetzt, da du überzeugt bist, daß du träumst.“ Die Stimme kicherte. „Glaube mir“, fuhr sie fort, „du tust es nicht. Dies ist so wirklich, wie etwas nur wirklich sein kann.“
Karin schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht glauben, schien den Boden unter ihren Füßen zu verlieren. Nirgends ein Halt, nirgends eine feste, klare Struktur in ihrem Geist, an der sie sich orientieren konnte.
„Werde ich sterben?“ fragte sie.
„Vielleicht“, antwortete die Stimme, „wenn du dich dumm genug anstellst. Doch wahrscheinlich wirst du eher verrückt werden. Was nichts Besonderes ist. Die meisten Menschen sind geistesgestört, wenn man in Betracht zieht, wie sie mit der Erde, sich selbst und ihresgleichen umgehen.“
„Aber was soll ich tun?“ rief sie verzweifelt.
„Halt den Mund, werde still und fühle.“
Karin schluckte die gehässige Antwort, die ihr auf der Zunge lag, hinunter und schwieg. Sie schloß die Augen, um mehr bei sich zu sein. Die Erregung, ein Gefühl von Angst, Mißtrauen und verhaltener Neugier, wollte nicht abebben. Nur indem sie ganz bewußt ihren Atem beobachtete und verlangsamte, gelang es ihr, sich in den Griff zu bekommen. So stand sie lange Zeit, und nichts geschah. Dann spürte sie etwas in ihrem Unterleib, ein Gefühl, als wiege sich warmes Wasser in der knöchernen Schale ihres Beckens. „Ahh.“ Sie stöhnte leise, freudig; genoß die Wonnen, die es ihr bereitete, und ein Bild trat vor ihr inneres Auge, das Bild einer verschlossenen dunkelroten Amaryllisblüte, die in ihrem Schoß ruhte und sich langsam öffnete. Zart weiteten sich ihre Blütenblätter und gaben den Blick frei in eine unergründliche Tiefe. Karin atmete tief ein, berauschte sich an dem sinnlichen Zauber.
„Schämst du dich nicht?“
Karin stieß einen Schreckensruf aus und riß die Augen auf.
Vor ihr, kaum eine Armeslänge entfernt, stand ihre Mutter. Das Gesicht zu einer Maske versteinert, sah sie mit Verachtung und Abscheu auf ihre Tochter hinunter. Fast schien es Karin, als ekele sie sich vor ihr.
„Was“, stammelte sie hilflos wie ein zwölfjähriges Mädchen, „hab` ich denn getan?“
„Das fragst du noch. An Gott und deinem Leibe hast du dich versündigt. Es ist unnatürlich und widerwärtig.“
„Aber ... ?“
„Schweig still!“
Die Worte waren hart und kalt. Karin fühlte sich schuldig. Sie versuchte, das schöne Gefühl zurückzuholen, doch ihr Unterleib fühlte sich an wie versiegelt, als sei er beschmutzt. Sie kannte diesen beklemmenden Zustand, diese Trennung von ihr-en Lustgefühlen. Sie schloß erneut die Augen. Doch das Bild ihrer Mutter ließ sich nicht vertreiben. Übergroß und mächtig triumphierte es über ihren eigenen Willen. Ein verzehrender Kampf wütete in ihr. Da war auf der einen Seite ihre Mutter, die sie liebte, trotz allem, und auf der anderen Seite der Wunsch, sich selbst leben zu können. Was sollte sie tun? Diese Frage spaltete ihr Bewußtsein, und für einen Moment hatte sie wirklich den Eindruck, verrückt zu werden.
„Du mußt deine Mutter töten. So wirst du sie finden.“
„Nein! Neiiin! Das ist unmöglich!“ schrie Karin entsetzt.
„Doch nicht wirklich. Ich meine das geistige Bild von ihr, die seelische Kraft, die ihm innewohnt.“
„Aber wie soll ich das tun?“
Sie erhielt keine Antwort.
Schließlich gab sie das Warten auf, erkannte, daß sie dies allein lösen mußte. Und dann wußte sie, was sie tun mußte. Gesammelt, in gespannter Aufmerksamkeit, stand sie über dem tellergroßen wirbelnden Glühen und atmete tief ein und aus. Da! Etwas Weiches, wie das Fell einer Katze, glitt über ihre Waden und an den Innenseiten der Oberschenkel hinauf, kitzelte sie. Leise Trommelschläge waren zu hören, und wie von selbst begann sie zu tanzen. Zuerst war es nur ein Laufen auf der Stelle, doch dann wurden ihre Bewegungen wuchtiger, aggressiver, stampfender. Der rhythmische Ton der Trommeln schwoll an, unterstützte sie, ihrer Wildheit und ihrer ungestümen Kraft nachzugeben. Eine Weile hielten sich der Wunsch nach freiem Ausdruck ihrer Gefühle und die Angst vor dem Verlust der Kontrolle die Waage. Ihr Atem wurde immer heftiger, tiefer, zog sie in einen Strudel der Verwirrung, des Chaos. Dann das Gefühl, als durchbräche sie eine unsichtbare Hülle. Für einen Moment hatte sie den Eindruck, als erinnere sich ihr Körper an etwas Wichtiges. Doch es ging alles viel zu schnell. Und es war seltsam. Je mehr sie dieser Seite in sich nachgab, desto schneller schmolz das Bild, die Erinnerung an ihre alles beherrschende Mutter.
Die Trommeln wurden lauter, steigerten sich zu einem Stakkato, das sie verschlang, fortriß in einen wirbelnden, orgiastischen, von allen Widerständen befreiten Tanz. Sie wollte frei sein; frei von Moral und Gewissensbissen, von Schuld und Angst. Lust wollte sie spüren, Wonne und Wohlgefühl.
„Ich bin ich selbst“, schrie sie, und dieses Schreien trieb die letzten Reste von Gebremstsein und Wankelmütigkeit heraus, schuf Raum für ein herrliches, glückliches Lachen. Sie tanzte, tanzte und wirbelte so lange umher, bis ihr Körper erschöpft war und hin und her wankte. Vor Anstrengung keuchend, sank sie zu Boden, fühlte, wie Schweiß ihre Stirn hinabtropfte. „Bei der Göttin“, murmelte sie und spürte, wie Tränen aus ihren Augen rannen, befreiende, erlösende Tränen.
Als sie zur Ruhe kam, nahm sie erneut den fremden Geist in ihrem Bewußtsein wahr. Und diesmal erkannte sie ihn. Es war der Geist ihrer wahren Mutter, der Erde. Behutsam stieg er auf, hüllte sie ein. War wie zwei riesige Arme, die sie trugen und sanft hin und her wiegten. Karin fühlte eine Geborgenheit, die der entsprach, die ihre leibliche Mutter ihr manchmal ge-schenkt hatte, nur viel größer. Und sie begriff, daß diese Geborgenheit ihr immer zur Verfügung stand, daß nur sie selbst einen Keil dazwischenschieben konnte. Und dieser Keil war das Vergessen. Sie mußte sich einfach nur daran erinnern, daß die Erde ein lebendes Wesen ist. Anders geartet, aber lebendig wie sie. Und sie schwor, es nie zu vergessen. Dann schlief sie erschöpft ein.
Nach mehreren Stunden erwachte Karin und öffnete ihre Lider. Sie fühlte sich gut. Eine Weile trieb sie noch in der Welt, die zwischen Schlafen und Wachen liegt, genoß den Frieden, den sie empfand.
Eine fröhliche, schalkhafte Stimme riß sie aus ihrer wohligen Trägheit.
„Huhu.“
Karin setzte sich auf und blickte mit schlaftrunkenen Augen um sich. Es dauerte eine Weile, bis sie eine schlanke Gestalt, die lässig an einer schmalen Steinsäule lehnte, klar erkennen konnte. Verschämt bedeckte sie ihre Blöße. Die Gestalt trug einen Hut mit weiter Krempe und bedeckte ihr Gesicht mit den Hän-den. Nur das linke Auge war zu sehen, und damit zwinkerte sie immer wieder, ähnlich einem Mann, der zum Flirten aufgelegt ist und sich für unwiderstehlich hält.
„Huhu“, rief die Gestalt. „Huhu“, und winkte. „Ein Gedicht“, fuhr sie fort und begann mit tiefer Stimme vorzutragen:

„Prüde bin ich, geh` zur Ruh`,
kneife fest mein Ärschlein zu;
fließt es mir auch rauf und runter,
wird das Leben doch nicht bunter.
Singen, Lachen, Schabernack,
überall nur dummes Pack.
Komm und gib mir deine Hand,
festigt sich der Triebe Band.
Nimm mich ganz und auch noch gar,
das Leben ist grandios, fürwahr.“


Karin saß da, schluckte und konnte nicht glauben, daß dies Wirklichkeit war. Dann erinnerte sie sich, daß die Wirklichkeit, die sie kannte, hier außer Kraft gesetzt war, und fügte sich in das anscheinend Unvermeidliche.
„Wer bist du?“ fragte sie mißtrauisch. „Was willst du von mir?“
Die Gestalt löste sich von der Säule und kam langsam, mit aufreizend wiegenden Hüftbewegungen auf sie zu. „Alles will ich von dir“, sagte sie mit schamloser Offenheit, „alles.“
„Alles? Was soll das heißen? Und“, sie funkelte ihn verärgert an, „wer zum Teufel bist du?“
„Damit liegst du gar nicht so weit daneben“, lächelte die Ge-stalt vergnügt.
„Womit?“
„Mit dem Teufel“, stieß sie hervor und beugte den Kopf blitzartig zu Karin herunter, so daß die schwarzglühenden Augen nur eine Handbreit von ihrem Gesicht entfernt waren. Dann sprang die Gestalt leichtfüßig zurück. „Aber es enttäuscht mich doch, muß ich sagen“, murrte sie, „daß du mich nicht er-kennst.“ Sie fuhr sich mit den langen schlanken Fingern in übertriebener Nonchalance durchs dichte Haar. „Aber wenn es denn sein muß.“ Die Gestalt kam auf sie zu und hockte sich im Schneidersitz vor Karin. „Ich bin der Nachtschalk.“
„Der Nachtschalk?“
„Der Nachtschalk? Der Nachtschalk?“ äffte er sie nach. „Kannst du eigentlich nur wiederholen, was ich sage?“
Karin wollte etwas entgegnen, kam aber nicht dazu.
„Alle lieben mich.“ Er stemmte die Hände in die Seite. „Weißt du eigentlich, was das bedeutet?“
„Ich liebe dich nicht“, wehrte Karin ab, „ich ...“
„Oh, wart’ nur ab. Das wird noch kommen.“
Einen Moment lang war Karin sprachlos.
„Ah, haha“, lachte der Nachtschalk, „eins zu null für mich.“
„Sag mir jetzt endlich, wer du bist“, wiederholte Karin. „Der Nachtschalk! Damit kann ich nichts anfangen.“
„Anfangen ist gut. Das ist sehr gut“, antwortete er. „Weil ...“ Er blickte kurz zu Boden und sah dann erneut auf. „Ich bin nämlich der Anfang deines Untergangs.“ Er brüllte vor Lachen über seine Worte.
„Kannst du eigentlich nur Schwachsinn von dir geben?“
„Das ist eine gute Frage, auf die ich dir natürlich keine Antwort geben werde.“
„Warum nicht?“
„Einfach so. Gegründet im Grundlosen.“
„Wie?“ Karin wurde wütend und betrachtete gleichzeitig mit ängstlicher Gespanntheit das Treiben des Nachtschalks. Der begann nämlich, sich mit aller Seelenruhe das Hemd aufzuknöpfen.
„Was hast du vor?“ fragte sie mißtrauisch.
„Ich hab` keine Lust mehr zu reden“, gab er zurück. „Ich finde, wir sollten jetzt Liebe machen. Das macht viel mehr Spaß.“
„Wa...?“
Der Nachtschalk sprang elegant auf die Füße und ließ das Hemd mit einer geschmeidigen Bewegung von den Schultern gleiten. „Mmh“, seufzte er, rollte die Augen voller Vorfreude und sagte grinsend:

„Dein Körper, deine Säfte, sie riechen so fein,
mich dünkt, du solltest die meine sein.
Verlangen durchströmt mich mit aller Macht,
des Teufels Gier wird wach in der Nacht.
Laß uns genießen der Sinne Glut,
was meinst du wohl, wie gut das tut.
Komm her zu mir und sei wohlfeil,
in meiner Hose brummt der Keil.“


Es dauerte mehrere Sekunden, bis Karin gänzlich erfaßte, was der dummdreiste Kerl vorhatte. Panik erfaßte sie, und sie suchte verzweifelt nach einem Fluchtweg. Doch die Grotte schien keinen Ausgang zu haben, bot keine Möglichkeit, ihm zu entkommen. Ängstlich wich sie zurück.
„Was!“ schrie der Nachtschalk, und seine Stimme hallte wie Donner von den Wänden wider. „Du verweigerst dich mir!“ Er zerrte an seinem Reißverschluß, der sich anscheinend verhakt hatte. „Das kannst du nicht tun.“
„Bleib mir vom Leib“, drohte Karin, langsam wieder zu sich findend, „oder ich bring` dich um.“
Der Nachtschalk blinzelte ungläubig und sagte:

„Dann bringt sie mich um,
das ist aber dumm.
Wo ich doch so am Leben hänge,
wiewohl jetzt meine Samenstränge
nicht wissen ein noch wissen aus;
ist nichts mit dem kleinen Klaus.
Müssen wohl ins Nest zurück,
vorbei sind Lust und Liebesglück.“


Er zuckte mit den Achseln und reichte ihr seine Hand. Karin zögerte.
„Nun komm. Hab` keine Angst, meine Liebe. Ich werde dir nichts tun.“ Er sah ruhigen, gelassenen Blickes auf sie hinunter. „In Wahrheit“, flüsterte der Nachtschalk und beugte sich ein wenig nach vorn, „habe ich gar kein Interesse an deinem Körper. Was ich wirklich will ...“ Er zog den Arm zurück, bildete mit den Händen einen Trichter um seinen Mund und hauchte kaum hörbar: „... ist deine Seele.“
Für einen Moment war es still in der Grotte, kein Laut war zu hören.
„Haha“, lachte er plötzlich teuflisch und rollte die Augen, „da-mit hast du nicht gerechnet, was? Zwei zu null für mich. Wenn du so weitermachst, gerätst du arg ins Hintertreffen.“ Dabei sah er sie an, als könne er kein Wässerchen trüben.
Karin mußte unwillkürlich lachen. Diese seltsame Gestalt, die sich Nachtschalk nannte, begann ihr trotz aller Vorbehalte zu gefallen.
„Was hast du mit meiner Seele vor?“ fragte sie vorsichtig.
„Später, meine Liebe. Alles zu seiner Zeit. Jetzt habe ich etwas viel Besseres für dich als Worte.“
„Und das wäre?“
„Erlebnisse.“
„Aha“, nickte Karin, als habe sie verstanden. Was mitnichten der Fall war.
Der Nachtschalk zog sie hoch. Als sie voreinander standen, trat er zwei Schritte zurück und machte eine schöne, anmutige Be-wegung mit den Händen. Es sah aus, als zöge er einen schweren Vorhang hoch. Dann wandte er Karin den Rücken zu und begann, an einem imaginären Seil zu ziehen. „So, jetzt haben wir es gleich“, ächzte er und zog mit aller Kraft. Plötzlich, als sei das Seil gerissen, stürzte er rückwärts, rollte sich über die Schultern ab und blieb auf dem Kopf stehen.
„Na, ist das nicht einsame Spitze?“ fragte er und prustete ver-gnügt.
Karin brachte kein Wort heraus.
Dann stemmte er sich, auf die Hände gestützt, mit den Armen hoch und landete mit einem Satz auf den Füßen.
„Nun sag schon“, drängte er sie.
„Ja was denn, um Himmels willen?“
„Wie gefällt dir unsere Aufmachung?“
Zuerst verstand Karin nicht, was er meinte. Als sie dann ihren Blick an sich hinuntergleiten ließ, trat sie erstaunt mehrere Schritte zurück. Sie war nicht mehr nackt. Der Nachtschalk hielt ihr einen großen Spiegel hin, den er aus dem Nichts hervorgezaubert zu haben schien. Ein helles Licht leuchtete an seinem oberen Rand, so daß sie sich gut darin betrachten konnte. Sie drehte und wendete sich, um sich von allen Seiten in Augenschein zu nehmen. Ein traumhaftes Kleid in der Farbe dunkelroten Weins umschmiegte seidig ihren Körper bis hinab zu den Waden. Ihre Füße steckten in edlen schwarzen Schuhen aus feinstem Leder. Als Karin sich von der Überraschung langsam erholte, nahm sie sich Zeit, ihr Gesicht genauer anzusehen. Es war wie von einem Künstler geschminkt, der ihre heimlichsten Wünsche erkannt hatte. Eine Mischung aus katzenhafter Eleganz, weiblicher Verführungskunst und dominanter Selbstsicherheit. Karin war von ihrer eigenen Erscheinung begeistert. Um ihren Hals lag eine Kette aus funkelnden Rubinen. Sie schüttelte wild den Kopf, wobei das schwarze Haar umherflatterte, ließ genüßlich ihre Hände mit den feuerrot lackierten Nägeln über die Hüften ihres Körpers gleiten und rief, unterstützt von einem kraftstrotzenden Flamencoschritt: „Jawohl!“
Karin blinzelte. Der Spiegel war verschwunden, und vor ihr stand der Nachtschalk, gekleidet in einen maßgeschneiderten Anzug aus dunkelblauem Zwirn. Er lachte. „Ahh“, sagte er und ließ das Wort wie eine köstliche Süßigkeit auf der Zunge zergehen. „Du siehst aus wie die reine Sünde, meine Liebe.“ Er atmete einmal tief durch, sah sie aus halbgeschlossenen Lidern an. Er zwinkerte ihr zu. „Und ich liebe die Sünde. Besonders, wenn sie sich in so vollendeter Form präsentiert. Komm“, drängte er sie, „laß uns schleunigst von hier verschwinden, sonst garantiere ich für nichts mehr.“
Karin lachte geschmeichelt, erfüllt von der wachsenden Vor-freude, welche Überraschung er als nächste für sie parat haben würde. Was immer das Geheimnis der Mondblüte sein mochte, es schien zumindest viel Aufregung und Spaß zu bringen.
Der Nachtschalk führte sie durch die Grotte. Kurze Zeit später spürte sie, wie sich der Boden veränderte. Er fühlte sich wie ein weicher Teppich an.
„Schließ die Augen“, sagte er.
Als sie sie nach einiger Zeit wieder öffnete, wäre sie fast zu Boden gestürzt. In ihrer Nervosität hatte sie eine Stufe übersehen. Der Nachtschalk fing sie im letzten Moment auf.
„Aber, aber“, sagte er, „wer wird den gleich fallen. Greife lieber zu mir, dann geht alles wie von selbst.“
Karin achtete nicht auf seine Worte. Sie war viel zu sehr von dem in Anspruch genommen, was sich ihr offenbarte. Sie befand sich, auch wenn es ihr schwerfiel das zu glauben, in einem Spielkasino. Prunk, wohin sie auch schaute; schwere Samtvorhänge, kostbare Spiegel und ein teurer Bodenbelag, der ihr das Gefühl vermittelte zu schweben. Nur zaghaft wagte Karin, aus der dunklen Ecke ins schummrige Licht hinauszutreten. Es herrschte eine gespannte Atmosphäre, mit einem Hauch Verruchtheit, die gut zu ihrer Aufmachung paßte. Sie drehte sich um, wollte etwas sagen, der Nachtschalk aber war nirgends zu sehen. Hektisch versuchte sie, ihn zwischen den anderen Menschen wiederzufinden. Aber er war nicht zu entdecken. Für einen Augenblick geriet sie in Panik, hatte sich aber bald wieder unter Kontrolle und begann, die neue Situa-tion zu genießen. Gemächlich schlenderte sie um die Tische und beobachtete die Menschen. Damen und Herren der sogenannten höheren Gesellschaft vertrieben sich ihre Zeit damit, Unsummen ihres Geldes über den grünen Filz des Roulettetisches zu schieben. Direkt neben ihr zog ein älterer Herr ein Bündel Scheine aus der Innentasche seines Jacketts, legte es diskret auf den Tisch, wo es ebenso diskret und flink in mehrere Tausenderchips gewechselt wurde, die er schon bald darauf verspielt hatte. Tabakqualm wallte in dichten Schwaden durch den Raum und vermischte sich mit dem Duft verschiedenster Parfums. Interessiert sah Karin einem Paar an der gegenüberliegenden Seite des Tisches zu. Er, älterer Jahrgang, gesetzt und ergraut, gab sich den Anschein von Gelassenheit und Souver-änität; doch die feinen Schweißperlen auf seiner Stirn sagten etwas anderes. Sie, jung und mit weiblichen Reizen üppig ausgestattet, blickte gelangweilt vor sich hin. Neben den beiden saß eine ältere Dame, deren Schminke ein wenig zu dick aufgetragen war. So betrachtete sie jeden einzelnen Menschen und spürte nach und nach eine Wandlung ihres Erlebens.