Die Reise zum Zauberberg - Textauszug


Der Weise sucht, was innen ist,
der Tor, was außerhalb



Mondlicht



"Hatschi".

Komischer Traum, dachte sie, mit niesenden Drachen.
Moment mal, der Drache, den sie gerade in seiner Höhle beobachtet hatte, nieste bestimmt nicht; der hatte vielmehr ein großes feuerspeiendes Maul, rasiermesserscharfe Zähne und smaragdfarbene furchterregende Augen. Und noch einmal:
"Hatschi.´´
Merkwürdig. Sie öffnete die Augen, schob sich blinzelnd eine Haarsträhne aus der Stirn und versuchte, sich in dem dunklen Zimmer zurechtzufinden. Das fahle Licht des Mondes schien durchs Fenster und warf einen schmalen Streifen Helligkeit an die Decke.
"Hatschi.“
Das Geräusch kam eindeutig hier aus dem Zimmer, und zwar aus Richtung Fensterbank. Vorsichtig, mit klopfendem Herzen, glitt sie aus dem Bett und schlich zum Fenster.
"Ha ... Ha ... Ha ... Hatschi. Verfnixter Mist!“, schimpfte ein glockenhelles Stimmchen erbost.
Behutsam schob Mona den Vorhang beiseite, und ihr wäre bei dem Anblick, der sich ihr bot, fast das Herz in die Hose gerutscht. Da saß jemand auf der Fensterbank, und dieser jemand war nicht viel größer als die Hand eines Erwachsenen. Völlig perplex, wie vor den Kopf geschlagen trat sie mehrere Schritte zurück und wußte erst einmal nicht, was sie jetzt machen sollte. Dann kniff sie sich fest in den Arm, um herauszufinden, ob sie nicht doch noch träumte. Der Schmerz im Arm bewies ihr, daß das nicht der Fall war.
Mit äußerster Behutsamkeit schlich sie sich heran und bewegte den Vorhang ganz, ganz sachte zur Seite. Mit staunenden Augen und angehaltenem Atem starrte sie auf die winzige Gestalt, die mit überkreuzten Beinen vor ihr saß. Sie trug ein Kleid, das wie Sternenlicht schimmerte; ihr Haar war lang und strohblond. Die Augen leuchteten so blau wie ein klarer Himmel. Sie hatte dicke Pausbacken, unzählige Sommersprossen und eine glühendrote Nase, aus der es unaufhörlich tropfte. Die kleine Gestalt sah sie an und wirkte überhaupt nicht erschrocken.
"Was guckst du denn so bnöde“, sagte sie frech, "siehst du nicht, daß ich einen Snupfen habe? Hol mir nieber ein Tsnassentuch.“
"Ein was?“
"Ein Tsnassentuch“, murrte sie ungeduldig.
"Ach, du meinst ein Taschentuch?“
"Sag ich doch, ein Tsnassentuch. Mein nieber Abhoras, bis du bnöde.“ Wie ein geölter Blitz fegte Mona auf leisen Sohlen in die Küche und riß ein Papiertuch von der Rolle.
"Hier“, sagte sie und reichte es der kleinen Gestalt, die mißmutig zusammengekauert an der Fensterscheibe lehnte, eingetaucht in einen gelblichen Strahl Mondlicht, der sie wie eine leuchtende Kerzenflamme erscheinen ließ.
"Wer bist du?“ fragte Mona, schob sich ihr dickes, gewelltes, kastanienbraunes Haar aus dem Gesicht und konnte die neugierige Ehrfurcht in ihrer Stimme nicht verbergen.
"Hasse keine Augen innen Kopf?“
"Natürlich habe ich Augen im Kopf, aber so was wie dich habe ich vorher noch nie gesehen.“
"Ich bin ... ha ... ha ... hatschi ... Ich bin ... eine Fee und heise Mondnicht.“
"Wie bitte?“ fragte Mona zweifelnd, die immer noch große Schwierigkeiten hatte, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.
"Mein nieber Abhoras. Hasse denn nur Genee innen Kopf. Ich bin eine Fee und heise Mondnicht.“
"Du bist eine Fee und heißt Mondlicht? Meinst du das?“
"Du hasses. Brauchste aber nich besoners stolz drauf sein. Mensen sin doch wirknich zu bnöde.“
Die Tür zu Monas Zimmer knarrte leise, und ein dunkler Schatten huschte hinein; niemand achtete darauf.
"Aber jetzt erzähl doch mal“, entgegnete Mona, "wie in Gottes Namen du hierhergekommen bist.“
"Ach, ojeminee“, seufzte die kleine Fee, "das war eine gans dumme Sache. Ich sas suhause in meine geniebte alte Eiche, um meine Knankheit zu kunieren und hab dabei so vor mich hingesnaubert ...“
" ... Du kannst zaubern, richtig zaubern?“ warf Mona aufgeregt dazwischen.
"Natürlich kann ich saubern. Jede Fee kann das. Was denks du denn, mit wem des hier su tun has“, antwortete sie brüskiert. "Ha, un überhaupt, unnerbnech mich gefänigst nich immer. Wo war ich noch? Ach ja, ich sas suhause in meine geniebte alte Eiche, und da isses passiert. Ich hab mich verhasbelt, und pnötznich sas ich hier auf diese dumme Fnesebank, und jetz weis ich nich, wie ich surückkomme“, endete sie und fing fürchterlich an zu schluchzen.
Im nächsten Augenblick landete Baghira, der schwarze Kater des Hauses, mit einem lautlosen Satz direkt neben der kleinen Fee und fauchte angriffslustig. Erschrocken purzelte sie von der Fensterbank und landete mit einem dumpfen Plumps auf dem Fußboden. Der pechschwarze Schatten folgte ihr und musterte sie aus blitzenden, zusammengekniffenen Augen.
"Baghira“, schimpfte Mona, "mach, daß du wegkommst. Raus, aber sofort!“
Der Kater war mindestens doppelt so groß wie die kleine Fee, die genau zwischen seinen fast schwerfällig wirkenden mächtigen Pfoten saß und kläglich vor sich hinjammerte, ohne ihm auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Sein massiger zottiger Kopf blickte zu ihr hinab, und geschmeidige Muskeln zuckten unter dem seidigen Fell.
Mona hielt den Atem an und wagte nicht, sich zu bewegen.
Stöhnend rappelte die kleine Fee sich hoch und sah verdutzt auf die riesigen Pfoten hinunter. Ganz langsam, wie in Zeitlupe, hob sie den Kopf und sah dem Kater ins Gesicht; dann schnipste sie mit dem Finger und brabbelte irgendetwas Unverständliches daher. Im selben Moment rollte Baghira sich auf dem Teppich zusammen und schnurrte wie das friedlichste Kätzchen der Welt. Während Mona noch über das Gesehene nachdachte, hörte sie ein feines, hohes Summen. Vor ihren Augen stieg Mondlicht in die Luft und sauste wie ein Wirbelwind durch den Raum. Die hauchdünnen, durchsichtigen und libellenartigen Flügel der kleinen Fee hatte Mona vorher gar nicht wahrgenommen. Neidisch verfolgte sie ihre pfeilschnellen Kapriolen im Mondschein unter der Decke. Unvermittelt schwebte sie vor ihrer Nase flatternd wie ein Kolibri, und kicherte vergnügt; ihre Pausbacken glühten vor Aufregung und Freude.
"Ha“, schniefte sie begeistert, "das is das Höchste. Das is gnandios.“ Mit einem Sturzflug landete sie neben Baghiras Kopf, beugte sich darüber und flüsterte dem Kater etwas ins Ohr. Der ließ sich daraufhin auf den Rücken fallen und ruderte mit den Vorderläufen wie wahnsinnig, öffnete das Maul und prustete herzhaft. Mona glaubte ihren Augen nicht zu trauen, denn es sah wahrhaftig so aus, als würde Baghira lachen. Er wälzte sich auf dem Boden hin und her und japste wie von Sinnen. Mona kniff sich noch einmal in den Arm, und es tat immer noch weh. Ein lachender Kater, das war nun wirklich das Verrückteste, was sie jemals gesehen hatte.
Sie setzte sich auf den Boden und fragte: "Was hast du zu ihm gesagt, Mondlicht?“
"Ich hab ihn genagt ... ha ... ha ... verfnixt ... ha ... hatschi ... genagt, daß ich finne, daß Mensen nicht gans nichtig innen Kopf sind, un er hat genantwotet, daß er dassenbe auch genade gedacht hat, und das fanden wir unheimnich komisch.“
Mona fand das affig und ziemlich belämmert und versuchte, das Thema zu wechseln:
"Kannst du denn mit ihm sprechen so wie mit mir, und er versteht jedes Wort?“
"Natürnich. Ich kann mit anne Tiere sprechen. Kein Pnobnem.“
Kein Pnobnem ... ähh, kein Problem, hallte es in Monas Kopf nach. Das war sehr interessant, fand sie, höchst interessant, und vielleicht, spann sie den Gedanken fort, konnte sie Mondlicht dazu überreden, ihr beizubringen, wie sie das machte.
"Aber jetzt zu etwas anderem“, wechselte sie ihren Gedankengang, "was können wir denn gegen deinen Schnupfen tun?“
"Has du Knäutetee ode sowas?“
"Du meinst Kräutertee?“
"Gnau.“
"Mit welchen Kräutern möchtest du ihn denn?“
Mondlicht dachte nach und kratzte sich mit ihren winzigen Fingern hinter dem Ohr, dann sagte sie: "Nindenbnüten, Baninikum, Nalbei und Honunder ... schnief.“
"Lindenblüten, Basilikum, Salbei und Holunder - richtig?“
"Du hasses“, antwortete die kleine Fee und schneuzte laut in ihr Taschentuch. Um niemanden im Haus zu wecken, schlich Mona barfuß in die Küche und sah im Arzneischrank nach, ob sie diese Kräuter finden konnte. Nach längerem Stöbern fand sie Lindenblüten, Pfefferminze, Kamille, Rosmarin und Fenchel. Sie setzte einen Kessel mit Wasser auf, mischte die Kräuter und schüttete sie in ein Sieb. Kurz darauf übergoß sie die Mixtur mit kochendem Wasser und ließ den Tee längere Zeit stehen. Gerade als sie in ihr Zimmer zurückgehen wollte, huschte Mondlicht herein, gefolgt von Baghira, der behende auf den Küchentisch sprang, von dort auf die Spüle und weiter auf die Fensterbank. Mit lautem Knall zerbarst ein Blumentopf auf den Küchenfliesen. Erschrocken hielt sich Mona die Hand vor den Mund und scheuchte den Kater mit wütendem Blick auf den Flur hinaus. Mondlicht kicherte vergnügt und turnte ausgelassen an der Gardinenstange.
"Is der Tee fnettig?“ fragte sie süßlich.
"Laß mich bloß in Ruhe. Einen Moment wirst du schon noch warten müssen, bis der blöde Mensch hier unten den Dreck beseitigt hat. Ich weiß sowieso nicht, wie ich Mutter das morgen erklären soll.“
"Damit brauchst du gar nicht bis morgen zu warten, Mona. Was ist hier eigentlich los?“ Ihre Mutter stand in der Tür und schaute nicht sehr freundlich drein.
"Ähh“, stammelte Mona, krampfhaft nach einer Antwort suchend, "es war Baghira. Er hat den Topf von der Fensterbank gestoßen.“
"So. Es war Baghira. Na schön, aber erklär mir mal, was du so spät noch in der Küche machst.“
"Ich ... ich mach’ mir einen Kräutertee, weißt du“, antwortete Mona und schluckte schwer. Gerade als sie weitersprechen wollte, ließ Mondlicht die Gardinenstange los und schwirrte summend um den Kopf von der Mutter, die nicht einmal mit einem Wimpernzucken darauf reagierte. Ver-blüfft starrte Mona sie aus ihren großen braunen Augen an.
"Was ist mit dir, Kind? Was starrst du mich so an?“
"Ja, siehst du sie denn nicht?“
"Wen soll ich sehen?“
"Na, die kleine Fee, die um deinen Kopf herumfliegt.“
Mutter hob die linke Augenbraue. Was soviel hieß, wie, daß sie davon überzeugt war, daß ihr Kind von allen guten Geistern verlassen war.
"Mona“, sagte sie nun zornig werdend, "ich finde das nicht sehr komisch, um Mitternacht in der Küche zu stehen und von einem großen Mädchen wie dir mit so einem Schwachsinn auf den Arm genommen zu werden. Geh jetzt ins Bett und schlaf!“
Mona fühlte sich ungerecht behandelt und nickte traurig.
"Aua“, schrie Mondlicht und landete schimpfend auf dem Tisch. Sie hatte zu lange auf der Küchenlampe gesessen und bei aller Neugierde nicht mitbekommen, wie heiß es da oben war. Sie stapfte aufgebracht herum und warf mit Aus-drücken um sich, die nach Monas Ansicht nicht zum Wortschatz einer Fee gehören sollten.
Die kleine Fee rieb sich fortwährend ihr Hinterteil, und ihre meerblauen Augen sprühten Giftblitze in alle Richtungen.
"Kann ich den Kräutertee mit in mein Zimmer nehmen, Mutter?“ fragte Mona kleinlaut.
"Eigentlich solltest du so spät nichts mehr trinken, aber meinetwegen, wenn du meinst, daß es dir guttut. Schaden wird er wohl nicht.“
"Danke“, antwortete sie und schaute vorsichtig lächelnd zu ihr hinauf. "Nimm deinen Tee, und dann mach, daß du ins Bett kommst“, gab ihre Mutter lachend zurück.
Auf dem Bett hatte Baghira sich häuslich eingerichtet. Wie eine Schnecke zusammengerollt und behaglich schnurrend lag er da, so als könne er kein Wässerchen trüben.
"Bitte, laß ihn bei mir“, bettelte Mona.
Mutter schwieg und ließ den Kater schlafen. Mondlicht machte es sich zwischen seinen Pfoten gemütlich.
"So“, sagte Mutter mit einer Stimme, die keinen Widerspruch mehr duldete, "jetzt wird aber endgültig geschlafen. Schließlich mußt du morgen früh zur Schule. Und keinen Quatsch mehr von Feen, Elfen oder sonstwas, du bist doch kein kleines Kind mehr. In fünf Minuten komme ich zurück, und dann will ich, daß hier alles ruhig ist. Schlaf gut, Schatz“, schloß sie und gab Mona einen Kuß auf die Stirn. Die Tür fiel weich ins Schloß, als sie ging, und ihre Schritte im Flur verhallten. Mona lauschte angespannt. Ein kaum hörbares Klicken verriet ihr, daß Mutter die Tür zum Schlafzimmer der Eltern geschlossen hatte.
"Warum kann Mutter dich nicht sehen und nicht hören, Mondlicht?“ fragte sie aufgeregt.
"Weil sie genauso bnöde is wie anne aneren Mensen.“
"Meine Mutter ist nicht blöd“, wetterte Mona los, "ich verbiete dir, so über sie zu sprechen.“
"Son gut, son gut. War nich so gemeint“, wehrte Mondlicht ab, "gib mir nieber meinen Tee.“
Mona beruhigte sich. Ich muß etwas Kleines finden, dachte sie. In der Tasse wird sie womöglich noch ertrinken, diese vorlaute, rotzfreche Gestalt von einer Fee.
Feen hatte sie sich immer ganz anders vorgestellt: majestätischer, lieblicher und gütig und über alle Maßen weise. Vielleicht ist die hier ja auch nur ein schwarzes Schaf. Wer weiß das schon? Mona zuckte kaum merklich mit den Schultern, dann fiel ihr das Fingerhütchen ein. Mit gespitzten Ohren auf jedes ungewöhnliche Geräusch achtend, stöberte sie in der Schublade des Nachttischchens herum und fand schließlich, was sie suchte.
"Mach son“, drängte Mondlicht ungeduldig und nieste einmal erbärmlich.
Mona goß behutsam etwas von dem Inhalt der Tasse in das Fingerhütchen und reichte es ihr. Mondlicht trank es mit einem Schluck leer.
"Prrr“, schnaubte sie verächtlich, "smeckt widernich, abnachgossseunich. Bah.“
"Aber es hilft“, antwortete Mona und konnte sich ein wenig Schadenfreude nicht verkneifen, während sie nachgoß. Die kleine Fee hielt sich die Nase zu und kippte es hinunter.
"Gnausam“, meckerte sie anschließend laut, "das is eine Qual, das gräsniche Seug.“
"Nicht so laut“, flüsterte Mona, "sonst steht Mutter gleich hier, und dann gibt es wirklich Ärger.“
"Ich weis gar nich, was du wills. Ich denke, sie hört mich nich.“
“Entschuldige bitte, Mondlicht. Das hab ich ganz vergessen.“
Sie hörte Schritte auf dem Flur, knipste rasch das Licht aus und mummelte sich unter die Bettdecke. Mutter kam herein und sah nach, ob alles zu ihrer Zufriedenheit war. Kaum hatte sie die Tür geschlossen, hauchte Mona: "Kannst du mir das zeigen, Mondlicht?“
"Was seigen?“
"Wie du zauberst.“
"Ahh“, gab die kleine Fee prahlerisch zurück, "das möchteste auch können, was?“
"Ja, gern.“
"Mach das Licht an.“
"Was hast du vor? Willst du jetzt zaubern?“
"Warum nich?“
"Wegen Mutter.“
"Ach Quatsch. Die wird nix mitkniegen. Mach son.“
Angestrengt lauschte Mona in die Dunkelheit, bevor sie auf den Schalter drückte.
"Was hast du vor?“ fragte sie.
"Ich werd den Kater versnaubern“, antwortete Mondlicht. "Wart’ einen Moment, gneich wird er fniegen.“
"Aber du wirst ihm doch nicht weh tun? Das will ich auf keinen Fall.“
"Natürnich nich, bin sniesnich ne gute Fee.“
Plötzlich hielt sie einen kurzen weißen Stab in der Hand, mit dem sie geheimnisvolle Zeichen in die Luft malte; dann begann die Spitze des Stabes heller und heller zu glühen, bis sie wie die Mittagssonne strahlte. Fasziniert hielt Mona den Atem an.
"Azuman heraldion“, tönte Mondlicht, und Mona hatte den Eindruck, daß sie größer und größer wurde, wobei ihre Stimme so klar und deutlich war, als habe es niemals einen Schnupfen gegeben, "saldufas gerbedo, Sternenlicht und Mondenschein, Lebensquell durchfließe mich, Abhoras erhöre mich - flieg, Kater, flieg!“
Das Stabende explodierte in ein gleißendes Lichtermeer, brodelnder Dampf stieg auf und erfüllte den Raum mit einem süßen, wohlriechenden Duft. Mona hatte für einen Augenblick die Augen geschlossen. Als sie sie wieder öffnete, saß ein rosarotes Ferkel auf ihrer Bettdecke und glotzte sie dümmlich an.
"Was ist das denn?“ rief sie entsetzt und hielt sich die Hand vor den Mund.
"Ohh“, antwortete Mondlicht süffisant, "das is danebengegangen.“
"Ich will auf der Stelle meinen Kater wiederhaben“, zischte Mona und funkelte sie böse an.
"Ja, ja, bnauchs keine Panik zu kniegen. Das haben wir gneich.“
"Das will ich hoffen.“
Nach mehreren schweißtreibenden Versuchen war es endlich soweit. Baghira sah sich verwundert um, so als wisse er nicht genau, wo er sei. Dann entdeckte er die kleine Fee und stürzte sich auf sie. Die verkrümelte sich mit einem atemberaubenden Satz auf die Lampe. Mona nahm den Kater auf ihren Schoß und streichelte ihn; nach und nach beruhigte er sich und döste friedlich vor sich hin.
"Du kannst runterkommen. Er schläft.“
"Nieber noch nich“, antwortete Mondlicht zitternd vor Angst, "der is ja fürchternich nachträgnich.“
"Das ist auch kein Wunder bei deinen überragenden Zauberkünsten!“
"Ha“, gab sie gekränkt zurück, ließ die Beine lässig vom Lampenschirm baumeln und reckte stolz die winzige spitze Nase in die Höhe, "du kanns doch gar nich saubern. Sei du mal ruhig still.“
"So hab ich’s doch nicht gemeint“, sagte Mona beschwichtigend, "nur mußt du doch wohl zugeben, daß das keine Meisterleistung war.“
"Hab ich ihn surückgesnaubert oder nich?“
"Sicher, das ...“
"Na also. Von wegen Meisterleistung.“
"Komm wieder nach unten, Mondlicht. Ich möchte mich nicht mit dir streiten.“
Eine Weile blieb sie noch oben auf dem Schirm sitzen und schielte beobachtend zum Bett hinunter, um herauszufinden, ob Mona für ihre ungehörige Antwort schon genug gelitten hatte und echte Reue zeigte; dann ließ sie sich mit einem Schwung auf die Bettdecke purzeln und kugelte sich vergnügt über Monas Beine.
"Wollen wir uns vertragen?“ Mona hielt ihr den kleinen Finger hin. Die Fee umfaßte ihn mit beiden Händen und sah sie mit den treuesten, unschuldigsten Augen an, die man sich nur vorstellen kann.
"Meinetwegen“, sagte sie, spitzte die Lippen und legte den Kopf auf die Seite. Baghira streckte die Beine aus, gähnte und stellte dabei sein ausgeprägtes Gebiß zur Schau. Einen Augenaufschlag später war Mondlicht unter der Bettdecke verschwunden.
"Geh da weg“, flüsterte Mona gackernd, "ich bin fürchterlich kitzelig unter den Füßen.“
"Ich kann nich“, kam es gedämpft unter der Decke hervor, "dann fnißt mich dieses dumme Tier doch einfach auf.“
"Du brauchst wirklich keine Angst zu haben. Er ist schon wieder eingeschlafen.“
"Gans bestimmt?“
"Ganz bestimmt“, antwortete Mona im Brustton der Überzeugung.
Vorsichtig lugte Mondlichts Köpfchen am Ende der Bettdecke hervor, bis nach und nach der ganze Körper zum Vorschein kam.
"Paßt du wirknich auf, daß der Kater mir nix tut?“
Mona hob die Finger: "Ich schwöre es bei meinem Leben.“
"Das reicht. Ich gnaube dir“, antwortete sie und stolzierte mutig auf Monas Brust. Baghira blinzelte nur kurz mit den Augenlidern und schnurrte weiter.
"Mein Snupfen wird langsam besser“, lächelte sie, "dein Knäutetee is gut. Danke sön und nicht mehr böse sein“, fuhr sie freundlich fort, kuschelte sich in Monas Armbeuge und sank schnell in einen Dämmerzustand. "Ich bin so müde“, säuselte sie, "hundemüde“. Sekunden später war sie eingeschlafen und schnarchte selig vor sich hin.
"Das kann doch wohl nicht wahr sein“, dachte Mona. "Eine schnarchende Fee.“ Sachte schubste sie Mondlicht an, was nicht das geringste bewirkte. Sie schubste etwas fester. Die kleine Fee kullerte den Arm hinunter und landete weich im Kopfkissen, reckte sich einmal genüßlich und setzte ihr Schnarchkonzert dann gnadenlos fort. Verzweifelt wühlte Mona in der Schublade des Nachttischchens, entdeckte einen Wattebausch, zerriß ihn und steckte beide Teile in die Ohren. Sie knipste das Licht aus und beobachtete einige schwache Lichtfetzen, die unter der Zimmerdecke tanzten. Durch das Fenster konnte man den klaren Nachthimmel sehen, an dem unzählige Sterne funkelten. Eine Weile dachte sie noch an Mondlicht, an ihre Mutter, an die Schule und an die Menschen im allgemeinen. Was für ein verrückter Tag, waren ihre letzten Gedanken, bevor auch sie in einen erholsamen, traumlosen Schlaf fiel.